Von Hermann Kesten

Heinrich von Kleist schrieb im Jahre 1801 an das Fräulein von Schlieben: "Den Mann erkennt man an seinem Verstände.

Woran erkennt man den modernen Roman?

Woran erkannte man die alten Romane? Friedrich Schlegel schreibt in seiner berühmten Rezension "Charakteristik der Meisterischen Lehrjahre von Goethe" aus dem Jahre 1798: "Denn dieses durchaus neue und in seiner Art einzige Buch, welches man nur aus sich selbst verstehen lernen kann, nach einem aus Gewohnheit und Glauben, aus zufälligen Erfahrungen und willkürlichen Forderungen zusammengesetzten und entstandenen Gattungsbegriff beurteilen: das ist, als wenn ein Kind Mond und Gestirne mit der Hand greifen und in sein Schächtelchen packen will."

Gewisse moderne Ästhetiker, die alle zweifelhaften und gar die nicht existierenden Gesetze der Nationalökonomie auf die schöne Literatur anwenden, ja die Abhängigkeit der Literatur von der Wirtschaft statuieren, prophezeien heute, während der Blüte des bürgerlichen Romans, sein Ende in diesen Tagen, seine "Auflösung".

Die Abhängigkeit des Geistes und der Künste statuieren, heißt den Künstlern und Geistern eine Grube graben. Wer die Autonomie der Literatur antastet, wird zu ihrem Totengräber.

Wo, frage ich, sind aber jene klassischen und gemeingültigen Muster des bürgerlichen Romans, deren Form und Inhalt "aufgelöst" werden? Der "Wilhelm Meister" und "Bouvard et Pécuchet", der "Tristram Shandy" und der "Don Quixote", der "Zauberberg" und die "Kleine Stadt", "Krieg und Frieden" und die "Jünglinge von Sais", "Moby Dick" und "Jacques le Fataliste", die "Kartause von Parma" und der "Simplizissimus", der "Egoist" und der "Titan", der "Scharlatan" und der "Idiot", der "Candide" und der "Gargantua und Pantagruel", "Gullivers Reisen" und der "Gil Blas", der "Robinson Crusoe" und "Lucinde" und "Agathon", die "Verlobten" und die "Toten Seelen", "Tom Jones" und die "Falschmünzer" und der "Radetzkymarsch" ... was für Formen und Inhalte haben sie gemein, die aufzulösen und zu ersetzen wären?