Start und Ziel: Korea – Ein Gürtel der Gefahr

In einem Roman des fast vergessenen Franzosen Jules Verne macht eine Expedition auf der Suche nach einem Verschollenen eine Reise um die Welt entlang eines Breitengrades. Wenn wir diesen Gedanken aufgreifen und auf dem Atlas den leider so bekanntgewordenen 38. Breitengrad verfolgen, stoßen wir auf eine bemerkenswerte Tatsache –: er schneidet fast alle derzeitigen Gefahrenpunkte der Erde und gibt auf ihrer östlichen Hälfte die ungefähre Begrenzung des sowjetischen Machtbereichs nach Süden an.

Geht man nämlich dem 38. Breitengrad von Korea nach Westen nach, gelangt man in die Gegend hart nördlich Tibet. Daß die Unterwerfung dieses Priesterstaates ein, wenn nicht das nächste Ziel Maos sein dürfte, steht kaum außer Zweifel. Gelingt dies, hat der "Stellvertreter Stalins" in Südostasien die indische Nordgrenze erreicht. Weiter westlich führt der 38. Breitengrad durch das Hochland von Pamir, wo Rußland nur durch einen schmalen Streifen afghanischen Gebiets von Nordwestindien getrennt ist. Liegen augenblicklich auch keine besonderen Nachrichten aus dieser Ecke vor, so sind die Unruhen von Kaschmir noch in Erinnerung, und der südlich gelegene Khaibar-Paß war seit vielen Jahrhunderten immer eine Einfallspforte für Eroberer. In Persien kreuzen wir den Südteil des Kaspischen Meeres und die Nordwestprovinzen des Iran. Viele glauben hier die nächste Aktion des Kreml nach dem Muster von Korea erwarten zu müssen. Nur wenig nördlich liegen die Erdölfelder von Baku, die den größeren Teil des russischen Gesamtvorkommens darstellen und von dem "Flugzeugmutterschiff" Türkei aus, durch das unser Breitengrad mitten hindurch geht, schnell zu erreichen sind. Hier ist einer der empfindlichsten Punkte der Sowjetmacht und der Gedanke, auf koreanische Manier das Vorfeld zu. erweitern, liegt für den Kreml nahe ... Als nächstes erreichen wir Griechenland. Der gescheiterte Versuch der Russen, unter Umgehung der Dardanellen an das Mittelmeer zu gelangen, ist noch in guter Erinnerung. Die Gefahr ist hier keineswegs beseitigt, sie hat sich nur nach Norden verschoben.

Bei all diesen Gefahrenherden ist es für die Sowjets möglich, nach koreanischem Rezept zu arbeiten, d. h. im geeigneten Moment Erfolge im heißen Krieg zu suchen, ohne jedoch selbst offiziell in Aktion zu treten und die Sphäre des Atlantikpaktes zu verletzen. Bei den drei noch fehlenden Reibungszonen, die nicht vom 38. Breitengrad berührt werden – Indochina, Jugoslawien und Deutschland – liegen die Dinge anders. Hier ist der Zusammenhang der betroffenen Länder mit dem Atlantiksystem so eng, daß im Falle eines Angriffs die Auslösung eines dritten Weltkrieges wahrscheinlich wird.

Weiter nach Westen kreuzt der 38. Breitengrad die Lebenslinie des britischen Commonwealth im Mittelmeer und geht in Spanien nördlich Gibraltar vorbei, dessen Bedeutung nicht betont zu werden braucht, um dann unmittelbar nach den Azoren zu führen, diesem wichtigsten atlantischen Stützpunkt westlicher Großraum-Luftstrategie. In Amerika aber werden wir dadurch überrascht, daß Washington, wo im Weißen Haus die Geschicke der westlichen Welt entschieden werden, unmittelbar nördlich dieses bemerkenswerten Breitengrades liegt, der dann das amerikanische Ausfalltor nach dem Stillen Ozean, San Franzisko, schneidet, bevor er über den Pazifik hinweg Japan und Korea wieder erreicht.

Er ist wahrhaft ein Gürtel der Gefahr, dieser 38. Breitengrad, der um die Erde läuft und leicht zu einem flammenden Reif des Krieges werden kann. GK.