Am 7. August wird die "First International Trade Fair Chicago" ihre Pforten öffnen, die erste Mustermesse nach europäischem Vorbild mit umfangreicher ausländischer Beteiligung auf dem Boden der USA. Das Vorhaben ist ohne Zweifel ein Wagnis und von vornherein ein Objekt der Kritik von denjenigen, die die wirksame Marktfunktion einer Messe in erster Linie als Endprodukt einer historisch gewachsenen Entwicklung betrachten. Immerhin haben Beispiele der jüngsten Gegenwart – auch in Deutschland – gelehrt, daß man durch geschickte Organisation und unermüdliche Arbeit viel von dem erreichen kann, was andernorts erst in langen Zeitläuften erarbeitet wurde. So gelang es in Chikago, die ursprünglich nicht geringen Widerstände der sehr einflußreichen Vereinigung der Amerikanischen Importeure gegen das Messeprojekt zu überwinden. Weiterhin hat man sich auf vielen Gebieten einer weitreichenden amtlichen Unterstützung versichert, die unter anderem in einem Zollsondergesetz ihren Ausdruck findet, das die überaus komplizierten amerikanischen Einfuhr- und Zollvorschriften für das ausländische Messegut in vielen Punkten auf ein erträgliches Maß mildert.

Alle Marshall-Plan-Länder werden als Aussteller in Chikago vertreten sein, darunter die Bundesrepublik mit 240 Firmen. Sie haben eine Fläche von rund 1600 Quadratmeter belegt. Das deutsche Messeangebot wird bei den Verbrauchsgütern unter anderem Glaswaren, Porzellanwaren, Schneidwaren, Textilwaren, Bekleidung, kunsthandwerkliche Erzeugnisse, Schmuckwaren, Musikinstrumente, feinmechanische Artikel, Spirituosen und Weine zeigen, bei den Produktionsgütern vor allem Werkzeugmaschinen, Druckmaschinen, Industrienähmaschinen, Werkzeuge, Motoren, elektrotechnische Erzeugnisse, Fahr- und Motorräder, Kraftwagen und Zubehör. In besonderen Kollektivgruppen werden Solinger Schneidwaren, kunsthandwerkliche Erzeugnisse, die deutschen Flüchtlingsbetriebe und der deutsche Weinbau vertreten sein. Westberlin stellt 40 Aussteller.

Der geschäftliche Erfolg der deutschen Beteiligung hängt von der Erfüllung zahlreicher Voraussetzungen ab. Der USA-Markt bleibt trotz seiner gewaltigen Aufnahmefähigkeit schwierig. Die Schutzzollimauter besteht noch immer, und der Import ist mit zahlreichen formalen Bestimmung gen belastet, die nur der versierte Amerika-Exporteur beherrscht. Sodann aber zwingt das steigende Angebot der amerikanischen Eisenindustrie und das vieler Konkurrenzländer zu scharfer Preiskalkulation, aber auch zu einem Einfühlungsvermögen in die wahrhaft unzählbar gestaffelten Käuferwünsche. Viele deutsche Aussteller dürften in Chikago Anfangserfolge erzielen. Diese werden sich aber nur dann in einen Dauererfolg verwandeln lassen, wenn die gleichzeitig gewonnenen Erfahrungen bis zur letzten Konsequenz ausgewertet werden. Vielleicht reicht, der zu erwartende Rüstungsboom schon, daß Amerikaner in Chikago Bestellungen auf Friedensguter in Europa aufgeben. Herbert Engst