Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Ende Juli

Nur fünf Minuten hat Michael A. Suslow auf dem SED-Parteitag gesprochen. Und obwohl von den 4000 kommunistischen Delegierten nur ein Bruchteil russisch spricht, haben sie jeden seiner Sätze beklatscht. Er sprach fast nur von Stalin. Und der Sekretär Stalins zu sein: dies betrachtet der Sekretär des Zentralkomitees der KPSU als seine ausschließliche Aufgabe. Mit Suslow verwaltet dies Amt zum erstenmal ein Mann der jungen Generation. Shdanow, der Anfang 1949 starb, war noch einer aus der Garde der alten Bolschewiken. Sein Nachfolger Suslow jedoch hat nur noch den traditionellen Kneifer der russischen Intelligenz ins Zeitalter des stalinistischen Imperialismus herübergerettet, sonst zeigt er nichts von der vierschrötigen Massivität der Oktober-Revolutionäre. Schlank, hochgewachsen und bürgerlich salopp gekleidet, überragt er die Pieck und Togliatti, die Duclos und Ulbricht beinahe um Haupteslänge.

Die hohe Machtfülle, die die Kommunisten aller Länder hinter dem Amt des Moskauer Sekretärs wittern, verleiht dem erst 37jährigen mythischen Rang in der bolschewistischen Erbfolge. Das meiste, was Suslow bisher getan hat, geschah im Dämmer nicht voll zu übersehender Ereignisse. Als der erste hohe Parteikommissar, der nicht aus der Schule der Illegalität und der Revolution, sondern aus der systematischen Lehre des Leninismus in sein Amt gekommen ist, hat er die Fäden der bolschewistischen Partei der Sowjetunion – und mehr – in der Hand. Als er in Shukows Armee politischer Kommissar war, absolvierte er ebenso wie als Befehlshaber der Parteiverbände im nördlichen Kaukasus die theoretischen und praktischen Kurse. Aber bald nach dem Kriege war der junge Suslow bereits für die zentralen Aufgaben der Bolschewiki reift als Leiter des Zentralbüros der sowjetischen Propaganda entwickelte er jene Verbindung kommunistisch-ideologischer Dialektik mit den weltpolitisch-imperialistischen Zielen des Kreml, die für den heutigen Zustand der sowjetischen Politik so charakteristisch ist. Im "Institut der Roten Professoren" in Moskau brillierte er, denn als linientreuester Theoretiker des Stalinismus vermochte er das Stalinsche Wort und die Stalinsche Tat immer mit Beredsamkeit als die konsequenteste Entwicklung aus Marx und Lenin zu interpretieren.

Kein Wunder also, daß gerade er und nicht einer aus dem alten Korps des Politbüros 1948 In Sinaia auf der Kominformtagung das Verdikt über Tito bewerkstelligte und formulierte. Dennoch verblüffte es die alte Garde nicht wenig, als ein paar Monate später, im Januar 1949, Suslow von Stalin das Amt Shdanows erhielt. Was in den beiden Monaten nach seiner Ernennung geschah, entzieht sich noch der vollen Einsicht der Zeitgenossen. Aber ob nun die Säuberungsaktion jener Tage ganz der Initiative Suslows entsprang oder nicht, die Liquidierung der ungarischen Rayk-Gruppe jedenfalls fällt gewiß unter die Autortät des neuen Sekretärs.

Suslow ist jetzt zum erstenmal nach Mitteleuropa gekommen. Sein Auftreten in Ostberlin läßt sich nicht mit dem der vielen anderen sowjetischem Delegationen vergleichen, die in beinahe pausenloser Folge Ostdeutschland besuchen. Er hat sich auch nicht, wie dies üblich ist, am Schluß auf die Agora bei der unvermeidlichen Massenkundgebung gestellt; sein Amt verlangt offenbar, ‚wie das von Stalin, äußerste Zurückhaltung in der Öffentlichkeit. Da alle kommunistischen Chefredakteure seine Billigung brauchen, da die Leiter der kommunistischen Parteischulen in der Welt bei ihm registriert sind, so überblickt er das ganze personelle Gefüge der bolschewistisch-sowjetischen Welt-Infiltration. Er ist der junge Mann Stalins. Aber gegenüber den Berija und Malenkow, gegenüber den Molotow und Woroschilow hat er den Ruf des reinen Jüngers für sich. Der alternde Stalin weiß, was das bedeutet.