Von Erwin Guido Kolbenheyer

Kluges Sterben ist zeichenhaft gewesen. Am Tage vor seinem Tode konnte er auf das flandrische Schlachtfeld fahren, wo er im Weltkriege gekämpft hatte, er konnte die Stelle wiedersehen, an der er seine schwere Verwundung erhalten hatte, die Wunde, an deren Folgen er mehr als zwanzig Jahre nach ihrer Heilung starb. Er wurde von Soldaten von seinem Sterbeort getragen. Er wußte nichts von seinem Ende.

Es ist, als seien ihm die Jahre seines Schaffens wie eine durchhellte Frist geschenkt gewesen, nicht anders, als ein Traum, drängenden Erlebens voll, vom Unbewußten ins Unbewußte erlebt wird. Da er sank, damals, und da er am Albert-Kanal bei Maastricht starb – von jenem Versinken bis zu diesem: ein reicher Lebens- und.

Schaffenstraum, der gleichsam an seinen Anbeginn zurückgefunden hat, als müßte dieses kostbare Leben wie ein Kreis in sich beschlossen sein. Als müßte es mit der zeichenhaften Geschlossenheit seines Endes das Ungestillte, das Sehnsüchtige einfangen, das aus dem Werk des meisterlichen Erzählers ins Ungemessene fortdrängt.

Ist nicht sein „Kortüm“ die geistdurchlichtete, heiter und gütig selbstbespöttelte Gestalt des grenzenlos Fortdrängenden, der seines Wesens nie satt werden kann? Er ist eine Traumgestalt, so erdgebunden-hell die Weisheit dieses wundervoll erquickenden Werkes lacht, er ist eine Traum- und Märchengestalt wie der Violinspieler der „Zaubergeige“, wie die Schattenfiguren des „Nocturno“.

Kluge hat von seinem damaligen Hinsinken auf dem flandrischen Schlachtfelde bis zu seinem endlichen Entsinken einen Schaffenstraum gelebt und uns ein Traumesschaffen hinterlassen.

(Aus „Dank an Kurt Kluge“, Privatdruck des Engelhom-Verlags Adolf Spemann, Stuttgart)