Von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin

London, Ende Juli

Möglichst viel von Europa möglichst eng zu vereinen, das betrachtet Winston Churchill, mit 75 Jahren jung und doch nicht mehr der Jüngste, als die letzte große Aufgabe seines Lebens. Zweimal leuchteten seine Augen auf, als er in der mit vielen Persönlichkeiten der europäischen Politik und mit etlicher Jugend angefüllten Londoner Albert Hall eine Kundgebung der Europa-Bewegung leitete: das erste Mal, als er – den Rückblick auf drei Jahre kurzen, aber steilen Aufstiegs des Europa-Gedankens in England und auf dem Kontinent gab; Zürich, Haag, Straßburg waren die Stationen; das andere Mal, als er von dem "glücklich erfolgten Schließen" der von ihm stets beklagten Lücke des fehlenden Deutschlands sprach und Gerd Bucerius als Vertreter dieses Deutschlands unter den Rednern begrüßte. Die Zuhörer jubelten ihm zu, als ob es schön geschafft wärt, als ob Churchills Europa bereits das einzige, einige, unbedrohte Europa wäre. Sie schüttelten ihre Herzlichkeit auch über seine Freunde, an der Spitze Paul Reynauch. und – nach kurzem Zögern – auch über den Vertreter Deutschlands aus. Denn Bucerius fand in offener, freimütiger Sprache das richtige Wort, als er von der Heimkehr der Deutschen aus einer bösen Vergangenheit sprach, dankend für die zuerst aus England öffentlich erklungene Einladung in das geeinte Europa, dankend für die von Schuman zur Beilegung alten Zwistes ausgestreckte Hand. Paul Reynaud, der sorgenvoll Rußlands Divisionen zählte, Winston Churchill, der Europas Pfad der Pflicht mit dem der Ehre und der Sicherheit in der Stunde Koreas identisch fand, und alle die anderen Sprecher ließen keinen Zweifel daran: Alle Mann an Bord‘ – das kann über Nacht der Ruf der europäischen Stunde sein. Das Schiff Europa, das Churchill als Lotse steuert, hat auch in England einen gewichtigen Ankerplatz, selbst wenn der Sozialismus bei der Londoner Kundgebung nur vom Kontinent her auf dem Podium vertreten war. Doch das Schiff braucht viele Häfen, und der deutsche Hafen ist nicht nur Churchill willkommen –: das war das erfreuliche Echo auf die Stimmen, die in der Albert Hall erklangen.