In einer Schrift "Johann Sebastian Bach; zur Feier seines 200. Todestages", herausgegeben vom "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" heißt es von der Ratswahlkantate: "die einzige, die zu Bachs Lebzeiten gedruckt wurde, natürlich nicht, um den Komponisten, sondern um die neuen Ratsherrn zu ehren". Betrachtet man das Büchlein genauer und ergänzt den Eindruck mit anderen Verlautbarungen aus der gleichen Himmelsrichtung, so drängt sich einem der Gedanke auf, daß man in diesem Jahre jenseits, der Zonengrenze den Namen Bach so überlaut verkündet ebenfalls "natürlich nicht..."

Der Bach nämlich, den man dort propagiert, ist nach dem Bilde der "neuen Ratsherrn" zurechtgemacht und hat mit seinem eigenen Ebenbilde nur noch wenig gemein. Die Technik dieser Umschöpfung ist die gleiche, die in ähnlichen Fällen schon von den Nazis angewandt wurde, und auf sie trifft der Ausspruch von Lichtenberg zu: "Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt." Daß Bach, obwohl ein durch und durch religiöser, gotterfüllter, domütig-gläubiger Künstler, deshalb doch kein Duckmäuser, sondern ein Freund des Lebens und seiner Freuden war, wird dahin umgefälscht, daß man ihn für einen "Mann von Welt" ausgibt und den schöpferischen Gottesmann wenn nicht geradezu leugnet, dann wenigstens verschweigt. In diesem Sinne enthält die genannte Schrift einige "Programmvorschläge für Bach-Feiern", in denen kein "geistliches" Werk vorkommt, dagegen heitere Nebenwerke wie die Kaffeekantate, der "Streit zwischen Phöbus und Pan", "Der zufriedengestellte Äolus" als Schwerpunkte und repräsentative Vertreter Badischer Kantatenkunst erscheinen.

Gewiß haben auch Programme dieser Art ihren besonderen Reiz. Wenn man sie aber mit tendenziöser Betonung als den "wahren Bach" ausposaunt, dessen Bild "uns bisher verstellt" gewesen sei (also kannte man den heiteren und vitalen Bach bisher nicht?), so ist das eine Urkundenfälschung übelster Art. – Nebenbei noch, sofern die "neuen Ratsherrn", die damit geehrt werden, etwa in Leipzig sitzen sollten, eine Kuriosität: denn gerade die verschwiegenen religiösen Schöpfungen gehören überwiegend der Leipziger Periode des Bachschen Lebens an.

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