Der nach Hemingways berühmtem Buch "Wem die Stunde schlägt" (To whom die bell tolls) in dreijähriger Arbeit gedrehte Film ist in das deutsche Synchronisationsatelier gegangen und soll im Herbst in Deutschland anlaufen.

Hemingway, der überzeugte Demokrat, hatte in seinem Roman den spanischen Bürgerkrieg mit großer Sachlichkeit von beiden Seiten geschildert, was ihm außer dem Ruhm und einer Millionenauflage in vielen Ländern die Exkommunikation durch die Kommunisten einbrachte.

Die Begegnung mit dem Film, sieben Jahre nach seiner Herstellung und im augenblicklichen Zeitpunkt, löst Schockwirkungen aus. Das Hauptthema: Krieg und Tod und erlösende Gewalttätigkeit, ist uns verdächtig. Doch ist der Film "Wem die Stunde schlägt" kein Kriegsfilm, wie der berühmte Film "Bengali" es war, dir die Männerkameradschaft heroisierte, kein Film mit antimilitaristischer Tendenz wie der neueste sehr bedeutende amerikanische Fliegerfilm ‚Start 12 Uhr" (Twelve o’clock high), er ist im Geiste Hemingways jenseits aller Ideologie ein Film, in dem es um den reinen menschlichen Gehalt geht. Aber wenn sich auch die Dialoge so eng an das Buch halten, so können sie doch die Vielschichtigkeit der Gespräche und Gedanker, das Ringen um Erkenntnis und Klarheit, nicht wiedergeben. Wo das Buch in die Tiefe geht, bricht der Dialog im Film ab. Es fehlen alle entscheidenden Sätze über Pflicht, Oberzeugung und die Entscheidung des Menschen zwischen den vielen Möglichkeiten, die er hat, bis die Stunde schlägt, nach der es keine Probleme mehr gibt. Man kann Gedanken nur zu einem geringen Teil in Bilder übersetzen und sichtbar machen. Durch da; notwendige Weglassen entsteht die Simplifizierung. So kommt es, daß die meiste Zeit auf der Leinwand kriegerische Taten oder ihre Vorbereitungen stattfinden: Partisanenkämpfe hinter der Front der Franco-Truppen, Greuel der Republikaner, Grausamkeiten der Faschisten und am Schluß die sensationelle Brückensprengung, die "ein Wendepunkt für das ganze Menschengeschlecht werden kann". Vor diesem makabren Hintergrund aber spielt sich eine Liebesgeschichte ab. die in ihrer Größe das Beste und Echteste ist an dem Film.

"Ich kann die Dramatisierung und Verfilmung meiner Bücher nicht leiden. Nur einmal ist ein Bildstreifen so geworden, wie ich ihn mir wünschte", hat Hemingway selbst gesagt. Es war nicht "Wem die Stunde schlägt". Aber der Dichter hat dadurch, daß er Gary Cooper als Partisan Robert Jordan und Ingrid Bergman als Maria vorschlug, in den beiden Hauptfiguren Interpreten gehabt, die in der Sprache und vielleicht noch mehr in der stummen Geste den echten Ausdruck fanden für das Verhältnis des heutigen Menschen zur Freiheit, zum Tode, zu Gott. Auch die anderen Figuren waren in diesem Sinn Geschöpfe Hemingways: Akim Tamiroff als Bandenführer Pablo, der sich selbst und seine Stunde überlebte und in Furcht dahinvegetiert, und die Griechin Katina Paxinou als Pilar, die leidenschaftliche Republikanerin, Revolutionärin, Flintenweib und Matrone.

Die Härte der Erzählungskunst Hemingways hat Hollywood, offensichtlich mit Absicht, gemildert. Die Regie (Sam Wood) hat mit Hilfe der Farbe des Films eine Mattscheibe, einen besänftigenden Schleier für den Zuschauer dazwischengelegt. Die Berge Spaniens sind in dieser Buntheit nicht einmal mehr die Berge der Sierra Nevada, wo sie aufgenommen wurden, sondern Postkartenlandschaften aus dem Jahre 1900; das Spießrutenlaufen, von dem Pilar so erzählt, daß es einem kalt den Rücken herunterrieselt, wird im Buntabzug zur Theaterkulisse einer Schmierenbühne; von dem Sonnenaufgang in den Bergen ganz zu schweigen. Es erweist sich einmal mehr, daß der Farbfilm nicht geeignet ist, die dokumentarische Gegenwartsnähe zu intensivieren. Er entwirklicht und romantisiert. Er hat seine großen Möglichkeiten in der Schilderung des Unwirklichen, Phantastischen oder des Pomphaften in der Historie – wie in dem Ballett der "Roten Schuhe" oder in dem Film "Heinrich V.". Aber die Härte der Gegenwart in "Wem die Stunde schlägt" würde sich besser schwarz-weiß dokumentieren.

Die Äußerung eines Kinotheaterbesitzers, der neben mir saß: "Was bringen denn die Menschen aus diesem Film nach Hause?", ist die primitive Frage danach, was uns heute dieser Kriegsfilm sagen soll. Er bringt den Sensationshungrigen erregende Kampfszenen, den Gefühlvollen rührende Erlebnisse, aber den in neuer Kriegsfurcht um ihr Schicksal Bangenden bleibt er weit mehr als Hemingways Buch die Antwort schuldig.

Erika Müller