Von Max Pflieger

"Da in letzter Zeit die Jahrhundertfeiern von Dörfern und Gemeinden auffallend zunehmen, wollen die Aufsichtsbehörden im Verwaltungsbezirk Braunschweig künftig die dokumentarischen Unterlagen genau prüfen. Man vermutet, daß eine Reihe von Jubiläen vordatiert werden, um die Gemeindekasse aufzufrischen." UP-Meldung

Eine alte Geschichte: Frauen und Pferde müssen jung, Städte und Weine alt sein! Bei den Städten gilt eine altrömische Gründung als die hochkarätigste; sehr solide ist aber auch noch eine Gründung durch einen mittelalterlichen deutschen Kaiser, während sich eine nur 100- bis 200jährige Gemeinde einfach in Grund und Boden schämen muß. Der Kummer, so blutjung zu sein, nagt und frißt am Herzen aller Lokalpatrioten...

Im Jahre 1938 kündete die sudetendeutsche Stadt Jägerndorf ihren tausendjährigen Geburtstag an. In letzter Minute mußte diese Feier abgesagt werden, weil ein allzu gründlicher Mann nachwies, daß dieses Wiegenfest erst in 300 Jahren fällig ist. Mit großem Pomp feierte dagegen die schlesische Stadt Münsterberg 1936 das gleiche Jubiläum, und das nur aus dem Grunde, weil ihr jener gründliche Mann fehlte. So konnte sich Münsterberg ganz unangefochten um vier Jahrhunderte älter machen.

Wir wissen nicht, ob die Stadt- und Dorfväter im Braunschweigischen, denen jetzt die Aufsichtsbehörde so scharf ins Geburtsregister blickt, sich selbst so alt machen oder ob sie sich – wie Jägerndorf und Münsterberg – so alt fühlen, das heißt im guten Glauben handeln; denn in den Archiven der beiden "Jubiläumsstädte" befanden sich alte Dokumente, die dieses ehrwürdige Alter bezeugten. Sie hatten nur einen Fehler, diese Dokumente: – sie stammten nämlich von dem "Kaiserlichen Hofhistoricus Abraham Hosemann", einem der größten und skrupellosesten Fälscher der deutschen Geschichtsschreibung. Was dieser gerissene Hochstapler des sechzehnten Jahrhundert alles angerichtet hat, das geht auf keine Kuhhaut und wird noch in fernster Zukunft Irrtümer über Irrtümer stiften.

Abraham Hosemann kam als Sohn eines Schuhmachers 1561 in dem schlesischen Städtchen Lauban zur Welt. Ein ungewöhnlich begabtes Kind, das mit vier Jahren schon lesen und schreiben konnte, mit zwölf lateinische und griechische Sprachkenntnisse hatte und mit fünfzehn Jahren schon seinen ersten Gedichtband veröffentlichte. Der schlichte Vater wollte jedoch von dem Genie seines Sprößlings nichts wissen und zwang ihn auf den Schusterschemel. Mit dem Erfolg, daß Abraham ausriß und nach Jena flüchtete. Hier fand er in dem Grafen Ernst von Mansfeld einen Gönner, der ihn auf die Universität schickte. Ein paar Semester genügten, und Hosemann rückte als "Dichter und Geschichtsschreiber" in das Rampenlicht der gelehrten Öffentlichkeit.

Er tat das mit allem Schwulst und Bombast seiner Zeit und mit einer tiefen Einsicht in die Schwächen seiner Mitmenschen, deren Eitelkeit und Geltungsbedürfnis er in der unverschämtesten Weise schmeichelte. Durch eine Art "Rundschreiben" bot er den Städten und den adeligen Familien seine Dienste als Historiker und Ahnenforscher an und lieferte auf Bestellung Stadt- und Familiengeschichten, die sich sehen lassen konnten. Völlig skrupellos führte er in diesen "historischen" Arbeiten Quellen an, die es nicht gab, zitierte aus wirklich bestehenden Werken Einzelheiten, die sich in ihnen gar nicht fanden, und erfand "historische Persönlichkeiten", die sich nur sein Lügengehirn ausgedacht hatte. So beispielsweise den "berühmten römischen Kriegsoberst Lucca", den er um 300 n. Chr. mehrere Städte gründen ließ, ferner einen "heidnischen Prinzen Polkenhain aus dem Morgenlande’, der ebenfalls mit deutschen Städtegründungen beschäftigt gewesen sein soll, und als Glanzstück seines Kasperltheaters den "Kaiser Mauritius", dessen hauptsächlichste Arbeit in der gleichen Tätigkeit bestand. Je nach der Höhe des ausgehandelten Honorars wurden diese erlauchten Herren bemüht: die zahlungskräftigsten Schildbürger bekamen als Stadtgründer den "Kaiser Mauritius", und die zahlungsschwächsten den "römischen Kriegsoberst Lucca".