Von unserem österreichischen Korrespondenten

H. M. W. Wien, im Juli

Dort, wo die Zuzugsstraße sich anschickt, in die Hauptstadt des zwischen Amerikanern und Russen geteilten oberösterreichischen Bundeslandes einzumünden, in Linz also, saß ein junger Mann und hungerte. Bald waren es zwei, daran drei. Sie hungerten nicht aus dem banalen Grund, daß es ihnen an Geld oder Proviant gemangelt hätte, sie hungerten wie Suppenkasper der Noblesse wegen, um auf das Leid und die Not anderer hinzuweisen. Genauer: um darauf aufmerksam zu machen, daß man wieder auf dem besten Wege sei, das Problem der 300 000 Volksdeutschen in der Alpenrepublik zu vergessen und zu verschweigen. Der Hunger wurde ohne allzuviel Dramatik, auf eine gewissermaßen menschlichhumorvolle Art im Liegestuhl zelebriert. Auch die Zielsetzung war nicht maßlos: es sollte nur wieder über die Volksdeutschen gesprochen werden, allen Ernstes und bitte im Ministerrat.

Doch wieso kommt es, daß die schönen Empfehlungen für die Seßhaftmachung der Volksdeutsehen, die auf der Salzburger Tagung des Weltkirchenrates gefaßt wurden, nicht Wirklichkeit geworden sind und daß seither nur schrecklich wenig geschehen ist? Liegt böser Wille vor? Gleichgültigkeit? Oder ist bloß, wie die Spötter sagen, die österreichische Frühjahrslethargie in jene Sommermüdigkeit übergegangen, die schon von der Herbstresignation überhaucht wird? Wir haben seinerzeit die Vorschläge von Salzburg "Modellvorschläge" genannt, um anzudeuten, daß es sich hier um ideale Musterpläne handele, die aus manchen Gründen wenig Aussicht hätten, verwirklicht zu werden. Bis jetzt ist aber noch weniger geschehen, als man zu hoffen berechtigt war. Zunächst scheint es sehr viel Zeit zu brauchen, bis der internationale Fond aufgefüllt ist. Aber auch wenn man das in Rechnung stellt, bleibt ein gewisses Manko österreichischer Tatkraft vorhanden. Da muß man sich denn vor Augen halten, daß die leitenden Männer in Wien einen stillen, unsichtbaren, nie endenden Kampf mit den russischen Okkupatoren führen, der ihnen dauernd das letzte an Energie abverlangt. Die Gestalten des Weltkirchenrats, sie wirken für die Ressortchefs aus Wien wie protestantische Erzengel einer unwirklichen Welt, deren Mahnungen und Empfehlungen man im Umgang mit goldbetreßten Diesseits-Iwans allzurasch, allzuleicht vergißt. Zu Unrecht natürlich, denn die 300 000 Volksdeutschen, Altösterreicher, rechtzeitig und mit Anstand ins rotweißrote Lager geführt, würden dieses sehr viel stärker machen.

In der Zwischenzeit bekämpft man die Sekundärerscheinungen der Symptome. Das Hungern beispielsweise hat man probat abgestellt, ganz einfach verboten. Es sei zu Ausschreitungen unter den Zuschauern gekommen! Mitleidsanämie? Radau-Ödeme? Oder was sonst? Nun, eben Ausschreitungen, erklärt die Polizei wortkargungeduldig. Zusammenfassend: Die, die hungern wollen, dürfen nicht, und die, die nicht wollen, müssen leider hungern.