Mit sehr viel Geschick – und dem dazugehörigen Lärm – wurde aus der Frage der Ladenschlußzeiten eine Staatsaktion gemacht, obwohl die Saison dieser Frage längst vorbei ist, Aber mit konstanter Beharrlichkeit redet man nun schon seit Monaten davon und bringt tausend Gründe für den Sonnabend-Frühschluß herbei. Recht gewandt wird übersehen, daß jede zusätzliche Verkaufsstunde dem Umsatz dient und es einfach keine vernünftige Begründung dafür gibt, daß die Masse der werktätigen Bevölkerung am Sonnabendnachmittag keine Gelegenheit haben soll, mit Ruhe und Überlegung im Textil- oder Schuhgeschäft ihre Auswahl zu treffen. Daß damit etwa gegen die 48-Stunden-Woche der Einzelhandelsangestellten Stellung genommen werden soll, ist völlig abwegig. Selbstverständlich muß ihnen ihr freier Nachmittag bleiben, wenn es auch nicht künftig jeder Sonnabend sein kann. Es steht außer Frage, daß eine solche Regelung eine Neubeschäftigung von Angestellten nach sich ziehen würde. Und schon aus diesem Grunde erscheint die bisher sehr aktive Einmischung der Gewerkschaften fast als eine Sabotage der Möglichkeiten zur Verringerung der Arbeitslosenzahl.

Dieser Eindruck kann ebenfalls gewonnen werden, wenn man die Bemühungen des Essener Hauptvorstandes der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen betrachtet, der kürzlich Untersuchungsergebnisse der EMNID K.G., Bielefeld, als "einseitig" und die Befragung von 3000 Personen um ihre Stellungnahme zum Sonnabend-Frühschluß als "ohne repräsentativen Wert" bezeichnete.

Daß dem nicht so ist, wissen die Essener Gewerkschaftsleute sehr genau. Es ist ihnen bekannt, daß ein Meinungsforschungsinstitut in seiner Arbeit völlig neutral ist. Denn darin liegt sein Dienst an der Öffentlichkeit, die lediglich ein kaltes, klares Spiegelbild zu erhalten wünscht. Selbstverständlich ist den Essener Gewerkschaften ebenfalls bekannt, daß die internationale Meinungsforschung seit rund 15 Jahren mit einer "Miniatur-Öffentlichkeit" arbeitet, bei der es nicht auf die Zahl der Befragten, sondern auf deren strukturelle Zusammensetzung ankommt, Es ist erwiesen, daß die Ergebnisse bei einer Befragung von rund 3000 Personen nicht "Wahrscheinlichkeiten", sondern "Sicherheiten" bedeuten.

Die Tatsache, daß sich im Bundesdurchschnitt 75,1 v. H. der Arbeiter, 74,3 v. H. der Angestellten, 73,1 v. H. der in Lehre und Ausbildung Befindlichen, 70,4 v. H. der Landarbeiter, rund 65 v. H. der freien Berufe und Landwirte, rund 60 v. H. der Beamten und 51,6 v. H. der Rentner für das Offenhalten der Bekleidungsfachgeschäfte am Sonnabendnachmittag aussprachen, sollte für die Gewerkschaft nicht der Anlaß eines Angriffs gegen das Meinungsforschungsinstitut sein. Es ist kurzsichtig, den Überbringer einer ungünstigen Nachricht mit der Nachricht selbst zu identifizieren, und mit Antipathiekundgebungen zu bedenken. Die EMNID stellte lediglich Tatsachen fest, die auch keine Gewerkschaft, selbst nicht ihr Hauptvorstand, beseitigen kann. Darf man den Spiegel verantwortlich machen, wenn einem das Bild, das er widergibt, nicht in die Richtung paßt?

Hoffentlich findet Bonn aus den Ladenschluß-Diskussionen den richtigen Ausweg. Die Absicht hat man jedenfalls. ww.