Präsident Truman hat in seiner Korea-Botschaft die Truman-Doktrin auf vier asiatische Territorien ausgedehnt: Südkorea, Formosa, die Philippinen und Indochina. Die Situation in drei dieser Gebiete wurde in den vorigen zwei Nummern der "Zeit" ausführlich dargestellt. Heute folgt der letzte Bericht. Er behandelt die Zustände in Indochina, dem "Balkan Südostasiens".

Zwei Tage vor dem Beginn der noch immer im Schloß von Pau im Departement Hautes Pyrenees hinter verschlossenen Türen stattfindenden französisch-indochinesischen Konferenz, die zur Entwicklung und Festigung der Beziehungen zwischen Frankreich und den jungen Staaten Indochinas beitragen soll, gab Präsident Truman im Rahmen seiner Korea-Botschaft bekannt, er habe "eine Beschleunigung des militärischen Beistandes für die Streitkräfte Frankreichs und der assoziierten Staaten in Indochina, sowie die Entsendung einer Militärmission angeordnet, um eine Arbeitsgemeinschaft mit diesen Streitkräften herzustellen".

So erfreulich diese Erklärung für den auf der Pau-Konferenz Vorsitz führenden französischen Minister für die Überseegebiete und die Ministerpräsidenten von Vietnam, Kambodscha und Laos als den dortigen Delegationsführern ihrer Länder auch gewesen sein mag, so hat sie gleichzeitig dazu beigetragen, den Streit um das von Frankreich bisher verweigerte Recht der indochinesischen Staaten, direkte Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten zu führen, verstärkt aufleben lassen. Dabei ist diese Frage nur einer der umstrittenen Punkte in den "Unabhängigkeits"-Verträgen, die Frankreich nur zögernd und widerwillig im Jahre 1949 mit seinen früheren Protektoraten und Kolonien in Indochina abgeschlossen und erst Ende Januar 1950 durch die Nationalversammlung ratifiziert hat.

Tatsächlich geben diese Verträge den indochinesischen Staaten ein weit geringeres Maß an Unabhängigkeit, als es die britischen Dominien in den Tagen des britischen Empire vor dem Statut von Westminster besessen hatten. Ihre Unabhängigkeit besteht nur innerhalb der von Frankreich als Zweckverband gegründeten "Französischen Union". Die wesentlichen Attribute einer Souveränität – das Recht, selbständige diplomatische Vertretungen bei fremden Regierungen zu unterhalten, die Wehrhoheit, eine uneingeschränkte Gerichtsbarkeit und eine: eigene unabhängige Finanz- und Wirtschaftsführung –, dies alles hat Frankreich den assoziierten Staaten nicht zugebilligt. Die auswärtigen Missionen, die "der Leitung und der Verantwortung der Regierung der Französischen Republik unterstehen", beschränken sich auf den Vatikan, Thailand, die Vereinigten Staaten und England, zu denen noch Indien kommen wird, sobald eine Anerkennung der indochinesischen Staaten durch Neudelhi erfolgt ist. Einreisevisen werden ausschließlich durch französische Konsulate erteilt, die auf diese Weise nach wie vor bestimmen, wer nach Vietnam, Kambodscha und Laos einreisen darf. Die drei Staaten haben zwar das Recht, eine eigene Wehrmacht zu unterhalten, jedoch ist das Oberkommando französisch. Über die Waffenausrüstung entscheidet eine französische Militärmission, die auch die Waffenbeschaffung vornimmt. Frankreich hat sich außerdem das Recht vorbehalten, nach Belieben militärische Stützpunkte in allen drei Ländern zu unterhalten und die Stärke ihrer Garnisonen festzusetzen. Franzosen und Staatsangehörige von Mitgliedsstaaten der Französischen Union unterstehen als einzige Ausländer nicht der einheimischen Gerichtsbarkeit, sondern gemischten Gerichtshöfen mit einem französischen Präsidenten. An dem Status frankischer Industrie-, Handels- und Bankunternehmen darf ohne Zustimmung der französischen Regierung nichts geändert werden. Alle drei Länder dürfen zwar ihre eigene Währung mit eigenen Banknoten haben; ihr mit dem französischen Frank fest zusammengekoppelter Wert muß aber der gleiche sein. Es ist verständlich, wenn diese Art von staatlicher Selbständigkeit auch von solchen indochinesischen Politikern, denen man in der einheimischen Öffentlichkeit eine frankophile Haltung vorwirft, nur als eine vorübergehende Vormundschaftsperiode angesehen wird.

Die staatliche Neuordnung im indochinesischen Raum bedingt neben der Neuorientierung des Verhältnisses zu Frankreich auch eine Regelung der Beziehungen der einzelnen Länder zueinander. In Vietnam, das sich aus den ehemaligen französischen Protektoraten Tonking und Annam und der früheren französischen Kolonie Cochinchina zusammensetzt und damit etwa 40 v. H. des ehemaligen französischen Kolonialbesitzes in Indochina umfaßt, leben 84 v. H. der gesamten Bevölkerung. Vietnams Übergewicht über die Nachbarstaaten Laos und Kambodscha ist daher eindeutig. Die größte Sorge für beide Staaten ist die seit Jahrzehnten ständig wachsende Einwanderung aus Vietnam. Beide Länder verfolgen diese Entwicklung mit größter Unruhe, weil die einheimische Bevölkerung mit ihrer dem Indischen zugewandten Mentalität dem tatkräftigen und rücksichtslosen chinesischen Unternehmergeist der Vietnamesen unterlegen ist. Gegen den Bevölkerungsdruck der 22 Millionen in Vietnam kann sich aber das Volk von Laos mit 1 Million und von Kambodscha mit 3,5 Millionen auf die Dauer nicht durchsetzen. Die Dreiteilung Indochinas durch Frankreich hat dieses Gebiet zum "Balkan Südostasiens" gemacht.

Man sieht: Die Vereinigten Staaten haben eine schwere und kostspielige Aufgabe übernommen, als sie die Truman-Doktrin auf Indochina. ausdehnten, dessen Bürgerkrieg gegen die Aufständischen des Rebellen Ho Chi Minh dem französischen Staat jährlich den achten Teil seines gesamten Haushaltes kostet. Washington wird sehr bald feststellen, daß die bisher bewilligten 15 Millionen Dollar für die Militärhilfe und die 23,5 Millionen Dollar für einen wirtschaftlichen Beistand nur eine kleine Anzahlung sind. Washington wird viel, viel weitgehendere Maßnahmen ergreifen müssen, wenn es Indochina tatsächlich für den Westen sichern will. E. Krüger