Jugoslawien zwischen den Feuern – Seite 1

Die Armut machte alles gleich – Angst vor dem Morgen

Von Mehmed Maksimovic

Die Korea-Krise hat Spekulationen darüber hervorgerufen, ob Jugoslawien einer der Brennpunkte der Auseinandersetzung zwischen den beiden großen Machtkomplexen West und Ost werden könnte. Der Verfasser des folgenden Berichtes ist ein Mann, dem das Schicksal die Gelegenheit gegeben hat, das Jugoslawien unserer Tage so genau zu kennen wie das vergangene. Angesichts der gesteigerten militärischen Vorbereitungen in Ungarn und Bulgarien ist der Bericht besonders aktuell.

Man sagt, daß Budapest heute noch eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner Vergangenheit habe, äußerlich wenigstens. Von Belgrad könnte man dies nicht sagen. Hier hat der Pflug der Revolution die Erde tiefer zerrissen. Zwar stehen auf der Terazija, dem berühmten Hauptplatz der Stadt, noch die alten Häuser, mit wenigen Ausnahmen; aber dieser Anblick zeigt nur die Fassade, weil doch die Menschen die Atmosphäre machen, nicht die Steine. Die Menschen aber sind nicht mehr dieselben. – Im Belgrad der Vorkriegszeit war sicherlich nicht alles, sogar nicht einmal sehr vieles, ideal und musterhaft. Es gab wenig Reiche und viele, viele Arme; es gab dort Holzarbeiter – sie kamen aus den albanischen Gebieten Jugoslawiens – die den ganzen Tag für zehn Dinar (damals 70 Pfennig) arbeiteten; es gab entsetzliche Elendsquartiere, es gab die Tuberkulose als Massenkrankheit. Aber es gab selbst für zehn Dinar noch genug zu essen, auch noch ein bißchen Wein zu trinken. Das Leben floß wie ein ruhiger, breiter Strom dahin, in den Ufern einer irgendwie natürlichen Demokratie, die in den zahllosen Belgrader Kaffees den General neben dem gewöhnlichen Soldaten, den Minister und Senator neben dem Bauern und dem kirchlichen Würdenträger am selben Tisch sitzen ließ. Es war ein ruhiger Strom – die Menschen hatten Zeit. In den Nachmittagsstunden zeigten sie sich so auf der Terazija und in der Knez Michailowa, wenn die Belgraderinnen in ihren eleganten Kleidern spazierten und ihre schwarzen Augen blitzen ließen. Davon ist heute nichts mehr zu sehen.

Die Augen sind freilich noch schwarz. Aber sie haben den Glanz verloren. Die Menschen gehen nicht mehr, sie hasten über die Terazija – eine graue Masse, schlecht gekleidet, schlecht genährt, Sklaven dies Fünfjahresplans. Nur die Offiziere der kommunistischen Armee, die Beamten der Polizei und der höheren Behörden unterscheiden sich durch Kleidung und die Geste des Selbstvertrauens von der Menge, die ohne jede Struktur und Gliederung ist. Genau so arm wie der Arbeiter ist jetzt der frühere hohe Beamte, der, längst entlassen und deklassiert, in zerrissenen Schuhen und in einer geflickten Hose über die Straße schleicht. Insofern ist die "Gleichheit" da. Aber um welchen Preis!

Über den inneren Zusammenhang, der dafür sorgt, daß desto weniger zum Verbrauchen da ist, je mehr der Staat Produktions- und Arbeitskraft steuert – darüber ließe sich theoretisch viel sagen. Sicher ist, daß, seit die Bluttransfusionen der UNRRA aufgehört haben, in Jugoslawien immer alles schlechter geworden ist. Die Belgrader Märkte, die einst im Überfluß zu ersticken schienen, sind arm; ja, sie sind keine Märkte mehr. Anderthalb Dutzend Kategorien von Lebensmittelkarten gibt es. Die beste ist die der Schwerstarbeiter, die im Monat bis zu ein kg Fett, 2 kg Fleisch, ein kg Zucker und 30 kg Brot erhalten (Nur "Henneckes", Offiziere der Armee, der Polizei und hohe Parteifunktionäre erhalten mehr Fett, Fleisch und Zucker.) Andere Kategorien bekommen weniger, manche sehr viel weniger; die gewöhnlichen Staatsbeamten sind in der dritten. Aber die Preise selbst dieser rationierten Lebensmittel sind hoch –: Fett 36, Fleisch 24 bis 32, Brot 6 Dinar. Sie sind am freien Markt um ein Vielfaches teurer. Dort kostet ein kg Mehl 150, Schweinefett 500 bis 600, Öl 500 Dinar. Tito hat in einer Rede vor einigen Wochen gesagt, der Durchschnittslohn sei vor dem Krieg 26 Dinar am Tag gewesen, das kommunistische Regime aber habe ihn auf 141 Dinar erhöht. Was für eine Rede! Man konnte – 1939 für 26 Dinar zwei kg Fett kaufen, während man heute auf den freien Märkten nur 250 Gramm Fett für 141 Dinar bekommt. Gewiß, die Menschen leben nicht vom freien Markt. Aber wenn der Arbeiter nur einen Bruchteil seiner Lebensmittel auf dem freien Markt zukauft, dannsieht die Bilanz katastrophal genug aus. Sie wird noch viel schlimmer, wenn der Arbeiter einen Kamm oder eine Zahnbürste kaufen muß. Für eines gewöhnlichen Kamm gibt er dann zwei Tagelöhne aus. Ähnlich ist das Verhältnis der Preise für Kleidung. Auf "Punkte" könnte der Arbeiter vielleicht das Notwendigste erschwingen: er müßte auch dann für ein Paar Schuhe zwei Wochenlöhne ausgeben; aber er hat viel zu wenig "Punkte". Wer außerhalb der Rationen kauft, muß für ein Paar Schuhe 6000 Dinar, für einen Herrenanzug 10 000 bis 20 000, für Strümpfe zwischen 300 und 400 Dinar zahlen. Geradezu phantastisch sind die Preise von Luxuswaren. Nylonstrümpfe kosten 1500 bis 2000, ein bescheidener Radioapparat kostet 20 000 Dinar, das sind fünf Monatslöhne. Ganz kann man aber ohne den freien Markt nicht leben. Und das ist es, was die Masse so grau macht, die durch die Belgrader Straßen hastet. Die Männer tragen keine Krawatten mehr, die Frauen keine Hüte. In den Schuhen tragen viele Bindfäden anstatt Schnürsenkel, es gibt keine Regenschirme, keine Fahrräder – kurz, es gibt nichts. Schon derjenige aber, der Nägel oder Nähnadeln hat, kann allerlei eintauschen. – Zustände, die Deutschland 1946 erlebte. Jugoslawien ist das Opfer des Fünfjahresplanes.

Das Argument des Fünfjahresplanes

Jugoslawien zwischen den Feuern – Seite 2

Bis vor zwei Jahren, bis zum Konflikt zwischen Tito und Stalin, versah der Fünfjahresplan immerhin eine Funktion. Zwar hatte er keine Ergebnisse, die sich in den Schaufenstern der (übrigens durchweg sozialisierten) Läden gezeigt hätten: es hat auch damals nichts zu kaufen gegeben. Aber der Plan war wenigstens ein Argument, Damals sagte man – und vielleicht hat es ein Teil der Bevölkerung sogar geglaubt –, daß man später die Früchte dessen werde einheimsen können, was man sich jetzt abhungert und in die Industrialisierung steckt. Aber das Argument hat seine Bedeutung verloren. Seit dem Konflikt mit den Kominformländern sind die Lieferungen, vor allem aus der Tschechoslowakei, die dem Fünfjahresplan dienten, ausgeblieben. Der Fünfjahresplan wird noch weiter durchgeführt, aber verlangsamt, immer langsamer. Zwar weiß die Regierung gut, daß der Industrialisierungsprozeß, den sie angefangen hat, ohnedies auf Jahrzehnte hinaus keinen echten Gewinn für die konsumierende Bevölkerung bedeutet hätte. Denn man kann ein Land, das stets nur Landwirtschaft getrieben hat, nicht innerhalb von ein paar Jahren zum Industriestaat machen. Hätte man auch die Maschinen und Fabriken, dann hätte man doch auf lange Zeit hinaus noch nicht die Facharbeiterschaft. Die Fabriken würden dann vielleicht produzieren – aber was! Auch heute noch herrscht ein krasser Facharbeitermangel. In der ersten Nachkriegszeit, als noch mit Stalin alles bestens stand, versuchte man Facharbeiter in Deutschlands Ostzone zu rekrutieren. Aber sie reichten bei weitem nicht aus. Und mit der Werbung von Freiwilligen, die auf Vertrag ins Land kommen, ist längst nichts mehr zu machen: Der Lebensstandard ist zu niedrig, der politische Druck zu hoch. Mancher Arbeitslose mag in Westdeutschland – rechnet man nur die Hoffnung hinzu, daß er alsbald wieder Arbeit finden werde – immer noch besser leben als ein schwer arbeitender Spezialist in Belgrad. Und das hat sich sogar in Westdeutschland herumgesprochen. Zur schnellen Industrialisierung fehlen also sowohl die Fabriken als die Facharbeiter. Natürlich wird trotzdem etwas produziert. Sogar versucht die Regierung eine eigene Rüstung in Gang zu bringen. Aber es ist zu wenig, und die Qualität ist schlecht. Den Prozentzahlen, die veröffentlicht wurden – die letzte war: "92 v. H. des Plans erfüllt!" – entsprechen keine Lieferungen an die Geschäfte. Auch weiß kein Mensch, worauf sich die Prozentzahlen beziehen ...

Seit dem Konflikt mit Moskau glaubt niemand mehr so recht an die Nützlichkeit oder auch Durchführbarkeit des Fünfjahresplans. Man weiß sehr wohl, daß dem einen Plan, wie es ja auch in der Sowjetunion war, ein zweiter, ein dritter folgen wird, daß man immer wieder zu Opfern aufgerufen wird, deren Sinn im Zukunftsnebel verschwindet. Von hier aus wird auch die negative Haltung verständlich, die die Bevölkerung gegenüber dem Regime einnimmt. Manches Schlagwort, das Tito und seine Männer seit 1945 gepredigt haben, wird jetzt in sein Gegenteil verkehrt. Die "Ökonomie" (nach Marx) sollte es ja nun einmal sein, deren Entwicklung auch Politik und Kultur bestimmt. Aber diese "Ökonomie" hat nicht gehalten, was die marxistischen Funktionäre versprachen. Das Volk dreht jetzt das Schlagwort um: ‚Geht die Wirtschaft hingab, dann reißt sie die Politik mit sich‘. Und die Wirtschaft geht zumindest nicht bergauf. Es ist nach wie vor dasselbe Elend. Das Land hat sich über das Niveau der allerersten Nachkriegszeit noch keinen Augenblick erhoben. Denn der miserablen Versorgung mit Industriewaren entspricht ein wachsendes Desinteressement der Bauern an der Agrarproduktion. Weite Strecken des Landes sind in diesem Frühjahr nicht mehr bebaut worden. Der Bauer will nicht ein Kilogramm Fett für 15 oder 20 Dinar abliefern, wenn ein gewöhnlicher Kamm 300 Dinar kostet. Auch das Allheilmittel der Kollektivierung, die in Jugoslawien viel weiter fortgeschritten ist als in den benachbarten Satellitenstaaten, hilft nicht viel. Den Kollektivbauern fehlt es am inneren Antrieb, fehlt es vielleicht auch am Glauben an die Dauer der Sache. Daher ist die Opposition der Zahl noch stark, so schwach sie auch an Machtmitteln, ja selbst an Möglichkeiten ist, sich auszudrücken.

Die Regierung fühlt das und sucht auch ihre Propagandalinie der wachsenden Skepsis anzupassen. Der Akzent liegt heute nicht mehr so sehr auf dem Wirtschaftsaufbau und der sozialistischen Zukunft. Davon wird hauptsächlich nur gesprochen, um das Tito-Regime bei den Anhängern des Kominform zu rechtfertigen, die die Parolen des Bukarester Senders herumtragen, wonach Tito den Sozialismus und die Kollektivierung verraten habe. Der Hauptton liegt jetzt auf der Verteidigung gegen den Sowjetimperialismus. Es ist keine Frage, daß damit eine ziemlich starke Wirkung erzielt wird. Besser Tito als Stalin –: das ist die Auffassung der meisten. Schlechter Stalin als Tito –: meinen sie eigentlich. Eine gewisse Hoffnung schwebt dahinter, daß die Amerikaner den Marschall Tito doch mit der Zeit dafür gewinnen könnten, sein Regime zu liberalisieren. Gerüchte gehen um, daß der und jener Politiker der Vergangenheit, der beim großen Hängen und Würgen der ersten Tito-Zeit mit einer Zuchthausstrafe davongekommen war, jetzt freigelassen werden soll. Viele glauben ein leichtes Nachlassen des polizeistaatlichen Drucks zu verspüren, obwohl dafür wenig konkrete Anhaltspunkte vorliegen. Daß die Amerikaner nach dem ersten Dollarkredit wieder sehr zurückhaltend geworden sind, halten sie für ein günstiges Zeichen:

"Truman gibt uns wenig Geld,

weil Tito ihn zum besten hält ..."

ist eine Parole, die überall umläuft und in der sich Tatsachen und geheime Wünsche mischen. Trotzdem ist das Verständnis für die im ganzen freundliche Haltung, die die Amerikaner zu Tito einnehmen, im Wachsen, je mehr sich der Weltkonflikt verschärft. Besser Tito als Stalin – das sagen eben auch die Amerikaner. Und so ist, wenigstens im allgemeinen, so etwas wie eine gemeinsame Plattform da.

Daß eine Opposition in der ganzen Breite der Bevölkerung vorhanden ist, darf nicht dazu verleiten, die Stärke des Regimes zu unterschätzen. Tito selbst ist sogar noch für den unversöhnlichen Gegner als Persönlichkeit attraktiv. Er hat es außerdem verstanden, ein paar Männer in den Vordergrund zu stellen, die ganz außerordentlich intelligent und brauchbar sind. Sie denken sich die Parolen aus, die den Sowjets und dem Kominform wahrscheinlich genau so auf die Nerven gehen, wie ihnen selbst die der Opposition im eigenen Lande. Das ewige Trommeln der Belgrader Propaganda, daß die Sowjetunion den Weg Marxens und Lenins verlassen habe, hat freilich für die breiten jugoslawischen Massen keine Bedeutung, denen am Wege von Marx und Lenin gar nichts gelegen ist und die es daher nicht als einen Fehler ansehen, wenn jemand ihn verläßt. Diese Argumentation hat jedoch große Bedeutung für die Stalinisten, die noch im Lande und sogar in der Bürokratie stecken und über deren Zahl auch das Regime selbst im unklaren ist. Im Zusammenspiel von polizeilichem Druck und propagandistischer Argumentation, das jede Diktatur gebraucht, sollen sie gleichgeschaltet werden.

Jugoslawien zwischen den Feuern – Seite 3

Dazu kommt die Wirkung nach außen. Daß Tito der "bessere" Kommunist sei als Stalin, hat ihn zu einer Attraktion sogar für die Amerikaner gemacht, die auf die Auswirkungen seiner Propaganda in den Satellitenländern, vielleicht sogar in der Sowjetunion selbst, hoffen. Diese Erwartungen waren zeitweise sehr hoch gesteckt. Sogar glaubte man, man werde den indochinesischen Kommunistenchef Ho Chi Minh, ja vielleicht auch Mao Tse Tung zum "Titoisten" machen können. Allerdings haben sich diese Hoffnungen nicht erfüllt. Und dennoch sind die Amerikaner zur Stütze des Tito-Regimes geworden, sei es auch nur auf Zeit. Diese Tatsache hat nun wiederum dazu beigetragen, daß die Opposition stillhält und daß das Selbstbewußtsein des kommunistischen Apparates, das nach dem Zusammenstoß mit Stalin wankend zu werden drohte, sich soweit gefestigt hat, daß Jugoslawien seine politische Rolle spielen kann.

Diese Rolle ist keineswegs nur propagandistisch. Seitdem. der Konflikt zwischen Tito und Stalin die Lage Jugoslawiens von Grund auf änderte, hat man sich, nicht nur in Belgrad, gefragt, ob die Sowjetunion einen gewaltsamen Versuch machen werde, Tito zu stürzen und das Land wieder unter die Botmäßigkeit des Kominform zu bringen. Ohne Zweifel ist diese Frage heute das Problem Nr. 1 des Tito-Regimes. Und ohne Zweifel sind die meisten politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen des letzten Jahres bereits im Schatten dieses Problems vor sich gegangen.

Kann Tito sich wehren?

Was hätte Tito einem Angriff entgegenzusetzen? Niemand kann ein gültiges Urteil über den Wert der jugoslawischen Armee abgeben. 30 bis 35 bewaffnete Divisionen zu je 10 000 Mann ist die Schätzung, die im Lande selbst wie im Ausland umläuft. Das könnte sehr viel sein, wenn man an die bescheidenen Zahlen denkt, über die andere europäische Länder verfügen. Dennoch hat man in Belgrad gelächelt, als ein amerikanischer Publizist schrieb, Tito verfüge über die stärkste Armee in Europa. Eine ähnliche oder etwas größere Armee hatte auch das königliche Jugoslawien im Jahre 1941. Als aber der deutsche Angriff rollte, war von dieser Armee nach einigen Tagen nichts mehr vorhanden. Die Frage ist: Wie sind Waffen, Ausbildung und Moral der Tito-Armee?

Die kommunistische Regierung hat 1945 nicht eigentlich die alte Armee übernommen und reorganisiert. Tito kam nach Belgrad an der Spitze seiner Partisanen, die drei Jahre lang in den Gebirgen im Südwesten mit wechselndem Erfolg einen Kleinkrieg geführt hatten. Ihre Führer machte Tito zu seinen Generalen, mit ihrer Hilfe baute er seine neue kommunistische Armee. Diese Armee ist daher taktisch ganz anders geschult als andere Armeen in Europa. In ihr steckt die Tradition des Partisanen- und Bürgerkriegs. – Als die Auseinandersetzung mit Stalin begann, war Tito genötigt, die Armee – ebenso wie die umfangreiche politische Polizei – zu säubern, um diejenigen Elemente zu entfernen, die weiter "Stalinisten" blieben. Diese Säuberung ging, ohne allzuviel Aufsehen zu machen, bis in die höchsten Ränge und wirkte noch bis in die letzten Wochen nach, als zwei hohe kommunistische Offiziere zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt wurden, weil sie mit dem sowjetischen Militär-Attache Beziehungen aufgenommen hatten. Das Offizierkorps dürfte also, bis auf einige Rückstände, wesentlich titotreu sein. Dagegen kann man über die Loyalität der Rekruten, die zum allergrößten Teil Bauernsöhne sind, schwerlich etwas sagen, es sei denn, daß diese Ungewißheit nicht so ins Gewicht fällt, wenn die Führung energisch und entschlossen ist. Bei einer mittelmäßigen Bewaffnung, die allerdings unter. dem Mangel an Ersatzteilen und unter allzu großer Vielfalt der Waffentypen leidet, sollte Jugoslawien wohl imstande sein, sich gegen einen Angriff eines oder mehrerer Satelliten verteidigen zu können. Denn man darf nicht vergessen, daß deren Rolle im Weltkrieg, in dem sie, mit Ausnahme von Albanien, auf deutscher Seite kämpften, auch nicht gerade sehr ruhmvoll gewesen ist. Sollte freilich die Sowjetarmee selbst eingreifen, dann würde die jugoslawische Armee es sehr schwer haben, sich ohne großzügigste Hilfe auch nur eine Zeitlang zu behauptende würde dann fast genau wieder in der strategischen Lage vom April 1941 sein. Auch damals waren Bulgarien, Rumänien und Ungarn die Verbündeten des Angreifers. Das würde für Tito bedeuten, daß er den Weg nach Albanien gehen müßte, ein Weg, der die klassische Rückzugslinie der Serben ist, und daß er, einmal mehr, Partisanenführer werden müßte. Dann aber würde sich die doppelte Tragödie von Krieg und Bürgerkrieg wiederholen, die 1942 bis 1945 das Land entvölkerte und verwüstete. Davor haben auch diejenigen Angst, die ansonsten von Umsturz und Revolution träumen. Und in dieser Angst findet das Regime offenkundig eine stärkere Stütze als in aller nationalistischen Propaganda.

Sie schauen auf Amerika

Trotz aller betonten Zurückhaltung, die sich die Amerikaner in Belgrad auferlegen – sie wollen nämlich jeden Eindruck vermeiden, daß sie sich in innere Angelegenheiten einmischen –, ist die Unabhängigkeit Jugoslawiens "zwischen den großen Blocks" doch eine Illusion. Je mehr sich der Weltkonflikt verschärft, desto weniger bleibt Raum für eine echte Neutralität. Ein Land, das mit einem Angriff des einen Blocks rechnen muß, kann, trotz aller marxistischen Theorie, nicht gleichgültig gegenüber dem anderen Block bleiben, der allein ihm notfalls helfen kann. Die immerhin schwache militärische Lage allein nötigt Jugoslawien zu solchen Überlegungen. Zwar beteuert die Regierung ihre volle Unabhängigkeit, sogar veröffentlichen Belgrader Zeitungen Artikel des jugoslawischen Botschafters in Washington, der sich nicht scheut, sehr harte Urteile über die wirtschaftliche und politische Leistungsfähigkeit des amerikanischen Kapitalismus zu fällen, aber niemand nimmt dies so ganz ernst. Im Anblick des heraufziehenden Gewitters fragt man eben auch in Belgrad – wie in ein paar Dutzend anderen Ländern – hauptsächlich danach, was die Amerikaner machen werden, nicht aber was Tito machen wird. In dieser Frage allein liegt schon eine gewisse Anerkennung einer amerikanischen Führerrolle. Tito selbst muß heute seine Hoffnungen auf Amerika setzen, auf das ebenso auch seine innerpolitischen Gegner letzten Endes hoffen, mit Ausnahme der Stalinisten, die ihn und die Amerikaner in gleicher Weise zum Teufel wünschen ...