Bis vor zwei Jahren, bis zum Konflikt zwischen Tito und Stalin, versah der Fünfjahresplan immerhin eine Funktion. Zwar hatte er keine Ergebnisse, die sich in den Schaufenstern der (übrigens durchweg sozialisierten) Läden gezeigt hätten: es hat auch damals nichts zu kaufen gegeben. Aber der Plan war wenigstens ein Argument, Damals sagte man – und vielleicht hat es ein Teil der Bevölkerung sogar geglaubt –, daß man später die Früchte dessen werde einheimsen können, was man sich jetzt abhungert und in die Industrialisierung steckt. Aber das Argument hat seine Bedeutung verloren. Seit dem Konflikt mit den Kominformländern sind die Lieferungen, vor allem aus der Tschechoslowakei, die dem Fünfjahresplan dienten, ausgeblieben. Der Fünfjahresplan wird noch weiter durchgeführt, aber verlangsamt, immer langsamer. Zwar weiß die Regierung gut, daß der Industrialisierungsprozeß, den sie angefangen hat, ohnedies auf Jahrzehnte hinaus keinen echten Gewinn für die konsumierende Bevölkerung bedeutet hätte. Denn man kann ein Land, das stets nur Landwirtschaft getrieben hat, nicht innerhalb von ein paar Jahren zum Industriestaat machen. Hätte man auch die Maschinen und Fabriken, dann hätte man doch auf lange Zeit hinaus noch nicht die Facharbeiterschaft. Die Fabriken würden dann vielleicht produzieren – aber was! Auch heute noch herrscht ein krasser Facharbeitermangel. In der ersten Nachkriegszeit, als noch mit Stalin alles bestens stand, versuchte man Facharbeiter in Deutschlands Ostzone zu rekrutieren. Aber sie reichten bei weitem nicht aus. Und mit der Werbung von Freiwilligen, die auf Vertrag ins Land kommen, ist längst nichts mehr zu machen: Der Lebensstandard ist zu niedrig, der politische Druck zu hoch. Mancher Arbeitslose mag in Westdeutschland – rechnet man nur die Hoffnung hinzu, daß er alsbald wieder Arbeit finden werde – immer noch besser leben als ein schwer arbeitender Spezialist in Belgrad. Und das hat sich sogar in Westdeutschland herumgesprochen. Zur schnellen Industrialisierung fehlen also sowohl die Fabriken als die Facharbeiter. Natürlich wird trotzdem etwas produziert. Sogar versucht die Regierung eine eigene Rüstung in Gang zu bringen. Aber es ist zu wenig, und die Qualität ist schlecht. Den Prozentzahlen, die veröffentlicht wurden – die letzte war: "92 v. H. des Plans erfüllt!" – entsprechen keine Lieferungen an die Geschäfte. Auch weiß kein Mensch, worauf sich die Prozentzahlen beziehen ...

Seit dem Konflikt mit Moskau glaubt niemand mehr so recht an die Nützlichkeit oder auch Durchführbarkeit des Fünfjahresplans. Man weiß sehr wohl, daß dem einen Plan, wie es ja auch in der Sowjetunion war, ein zweiter, ein dritter folgen wird, daß man immer wieder zu Opfern aufgerufen wird, deren Sinn im Zukunftsnebel verschwindet. Von hier aus wird auch die negative Haltung verständlich, die die Bevölkerung gegenüber dem Regime einnimmt. Manches Schlagwort, das Tito und seine Männer seit 1945 gepredigt haben, wird jetzt in sein Gegenteil verkehrt. Die "Ökonomie" (nach Marx) sollte es ja nun einmal sein, deren Entwicklung auch Politik und Kultur bestimmt. Aber diese "Ökonomie" hat nicht gehalten, was die marxistischen Funktionäre versprachen. Das Volk dreht jetzt das Schlagwort um: ‚Geht die Wirtschaft hingab, dann reißt sie die Politik mit sich‘. Und die Wirtschaft geht zumindest nicht bergauf. Es ist nach wie vor dasselbe Elend. Das Land hat sich über das Niveau der allerersten Nachkriegszeit noch keinen Augenblick erhoben. Denn der miserablen Versorgung mit Industriewaren entspricht ein wachsendes Desinteressement der Bauern an der Agrarproduktion. Weite Strecken des Landes sind in diesem Frühjahr nicht mehr bebaut worden. Der Bauer will nicht ein Kilogramm Fett für 15 oder 20 Dinar abliefern, wenn ein gewöhnlicher Kamm 300 Dinar kostet. Auch das Allheilmittel der Kollektivierung, die in Jugoslawien viel weiter fortgeschritten ist als in den benachbarten Satellitenstaaten, hilft nicht viel. Den Kollektivbauern fehlt es am inneren Antrieb, fehlt es vielleicht auch am Glauben an die Dauer der Sache. Daher ist die Opposition der Zahl noch stark, so schwach sie auch an Machtmitteln, ja selbst an Möglichkeiten ist, sich auszudrücken.

Die Regierung fühlt das und sucht auch ihre Propagandalinie der wachsenden Skepsis anzupassen. Der Akzent liegt heute nicht mehr so sehr auf dem Wirtschaftsaufbau und der sozialistischen Zukunft. Davon wird hauptsächlich nur gesprochen, um das Tito-Regime bei den Anhängern des Kominform zu rechtfertigen, die die Parolen des Bukarester Senders herumtragen, wonach Tito den Sozialismus und die Kollektivierung verraten habe. Der Hauptton liegt jetzt auf der Verteidigung gegen den Sowjetimperialismus. Es ist keine Frage, daß damit eine ziemlich starke Wirkung erzielt wird. Besser Tito als Stalin –: das ist die Auffassung der meisten. Schlechter Stalin als Tito –: meinen sie eigentlich. Eine gewisse Hoffnung schwebt dahinter, daß die Amerikaner den Marschall Tito doch mit der Zeit dafür gewinnen könnten, sein Regime zu liberalisieren. Gerüchte gehen um, daß der und jener Politiker der Vergangenheit, der beim großen Hängen und Würgen der ersten Tito-Zeit mit einer Zuchthausstrafe davongekommen war, jetzt freigelassen werden soll. Viele glauben ein leichtes Nachlassen des polizeistaatlichen Drucks zu verspüren, obwohl dafür wenig konkrete Anhaltspunkte vorliegen. Daß die Amerikaner nach dem ersten Dollarkredit wieder sehr zurückhaltend geworden sind, halten sie für ein günstiges Zeichen:

"Truman gibt uns wenig Geld,

weil Tito ihn zum besten hält ..."

ist eine Parole, die überall umläuft und in der sich Tatsachen und geheime Wünsche mischen. Trotzdem ist das Verständnis für die im ganzen freundliche Haltung, die die Amerikaner zu Tito einnehmen, im Wachsen, je mehr sich der Weltkonflikt verschärft. Besser Tito als Stalin – das sagen eben auch die Amerikaner. Und so ist, wenigstens im allgemeinen, so etwas wie eine gemeinsame Plattform da.

Daß eine Opposition in der ganzen Breite der Bevölkerung vorhanden ist, darf nicht dazu verleiten, die Stärke des Regimes zu unterschätzen. Tito selbst ist sogar noch für den unversöhnlichen Gegner als Persönlichkeit attraktiv. Er hat es außerdem verstanden, ein paar Männer in den Vordergrund zu stellen, die ganz außerordentlich intelligent und brauchbar sind. Sie denken sich die Parolen aus, die den Sowjets und dem Kominform wahrscheinlich genau so auf die Nerven gehen, wie ihnen selbst die der Opposition im eigenen Lande. Das ewige Trommeln der Belgrader Propaganda, daß die Sowjetunion den Weg Marxens und Lenins verlassen habe, hat freilich für die breiten jugoslawischen Massen keine Bedeutung, denen am Wege von Marx und Lenin gar nichts gelegen ist und die es daher nicht als einen Fehler ansehen, wenn jemand ihn verläßt. Diese Argumentation hat jedoch große Bedeutung für die Stalinisten, die noch im Lande und sogar in der Bürokratie stecken und über deren Zahl auch das Regime selbst im unklaren ist. Im Zusammenspiel von polizeilichem Druck und propagandistischer Argumentation, das jede Diktatur gebraucht, sollen sie gleichgeschaltet werden.