Dazu kommt die Wirkung nach außen. Daß Tito der "bessere" Kommunist sei als Stalin, hat ihn zu einer Attraktion sogar für die Amerikaner gemacht, die auf die Auswirkungen seiner Propaganda in den Satellitenländern, vielleicht sogar in der Sowjetunion selbst, hoffen. Diese Erwartungen waren zeitweise sehr hoch gesteckt. Sogar glaubte man, man werde den indochinesischen Kommunistenchef Ho Chi Minh, ja vielleicht auch Mao Tse Tung zum "Titoisten" machen können. Allerdings haben sich diese Hoffnungen nicht erfüllt. Und dennoch sind die Amerikaner zur Stütze des Tito-Regimes geworden, sei es auch nur auf Zeit. Diese Tatsache hat nun wiederum dazu beigetragen, daß die Opposition stillhält und daß das Selbstbewußtsein des kommunistischen Apparates, das nach dem Zusammenstoß mit Stalin wankend zu werden drohte, sich soweit gefestigt hat, daß Jugoslawien seine politische Rolle spielen kann.

Diese Rolle ist keineswegs nur propagandistisch. Seitdem. der Konflikt zwischen Tito und Stalin die Lage Jugoslawiens von Grund auf änderte, hat man sich, nicht nur in Belgrad, gefragt, ob die Sowjetunion einen gewaltsamen Versuch machen werde, Tito zu stürzen und das Land wieder unter die Botmäßigkeit des Kominform zu bringen. Ohne Zweifel ist diese Frage heute das Problem Nr. 1 des Tito-Regimes. Und ohne Zweifel sind die meisten politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen des letzten Jahres bereits im Schatten dieses Problems vor sich gegangen.

Kann Tito sich wehren?

Was hätte Tito einem Angriff entgegenzusetzen? Niemand kann ein gültiges Urteil über den Wert der jugoslawischen Armee abgeben. 30 bis 35 bewaffnete Divisionen zu je 10 000 Mann ist die Schätzung, die im Lande selbst wie im Ausland umläuft. Das könnte sehr viel sein, wenn man an die bescheidenen Zahlen denkt, über die andere europäische Länder verfügen. Dennoch hat man in Belgrad gelächelt, als ein amerikanischer Publizist schrieb, Tito verfüge über die stärkste Armee in Europa. Eine ähnliche oder etwas größere Armee hatte auch das königliche Jugoslawien im Jahre 1941. Als aber der deutsche Angriff rollte, war von dieser Armee nach einigen Tagen nichts mehr vorhanden. Die Frage ist: Wie sind Waffen, Ausbildung und Moral der Tito-Armee?

Die kommunistische Regierung hat 1945 nicht eigentlich die alte Armee übernommen und reorganisiert. Tito kam nach Belgrad an der Spitze seiner Partisanen, die drei Jahre lang in den Gebirgen im Südwesten mit wechselndem Erfolg einen Kleinkrieg geführt hatten. Ihre Führer machte Tito zu seinen Generalen, mit ihrer Hilfe baute er seine neue kommunistische Armee. Diese Armee ist daher taktisch ganz anders geschult als andere Armeen in Europa. In ihr steckt die Tradition des Partisanen- und Bürgerkriegs. – Als die Auseinandersetzung mit Stalin begann, war Tito genötigt, die Armee – ebenso wie die umfangreiche politische Polizei – zu säubern, um diejenigen Elemente zu entfernen, die weiter "Stalinisten" blieben. Diese Säuberung ging, ohne allzuviel Aufsehen zu machen, bis in die höchsten Ränge und wirkte noch bis in die letzten Wochen nach, als zwei hohe kommunistische Offiziere zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt wurden, weil sie mit dem sowjetischen Militär-Attache Beziehungen aufgenommen hatten. Das Offizierkorps dürfte also, bis auf einige Rückstände, wesentlich titotreu sein. Dagegen kann man über die Loyalität der Rekruten, die zum allergrößten Teil Bauernsöhne sind, schwerlich etwas sagen, es sei denn, daß diese Ungewißheit nicht so ins Gewicht fällt, wenn die Führung energisch und entschlossen ist. Bei einer mittelmäßigen Bewaffnung, die allerdings unter. dem Mangel an Ersatzteilen und unter allzu großer Vielfalt der Waffentypen leidet, sollte Jugoslawien wohl imstande sein, sich gegen einen Angriff eines oder mehrerer Satelliten verteidigen zu können. Denn man darf nicht vergessen, daß deren Rolle im Weltkrieg, in dem sie, mit Ausnahme von Albanien, auf deutscher Seite kämpften, auch nicht gerade sehr ruhmvoll gewesen ist. Sollte freilich die Sowjetarmee selbst eingreifen, dann würde die jugoslawische Armee es sehr schwer haben, sich ohne großzügigste Hilfe auch nur eine Zeitlang zu behauptende würde dann fast genau wieder in der strategischen Lage vom April 1941 sein. Auch damals waren Bulgarien, Rumänien und Ungarn die Verbündeten des Angreifers. Das würde für Tito bedeuten, daß er den Weg nach Albanien gehen müßte, ein Weg, der die klassische Rückzugslinie der Serben ist, und daß er, einmal mehr, Partisanenführer werden müßte. Dann aber würde sich die doppelte Tragödie von Krieg und Bürgerkrieg wiederholen, die 1942 bis 1945 das Land entvölkerte und verwüstete. Davor haben auch diejenigen Angst, die ansonsten von Umsturz und Revolution träumen. Und in dieser Angst findet das Regime offenkundig eine stärkere Stütze als in aller nationalistischen Propaganda.

Sie schauen auf Amerika

Trotz aller betonten Zurückhaltung, die sich die Amerikaner in Belgrad auferlegen – sie wollen nämlich jeden Eindruck vermeiden, daß sie sich in innere Angelegenheiten einmischen –, ist die Unabhängigkeit Jugoslawiens "zwischen den großen Blocks" doch eine Illusion. Je mehr sich der Weltkonflikt verschärft, desto weniger bleibt Raum für eine echte Neutralität. Ein Land, das mit einem Angriff des einen Blocks rechnen muß, kann, trotz aller marxistischen Theorie, nicht gleichgültig gegenüber dem anderen Block bleiben, der allein ihm notfalls helfen kann. Die immerhin schwache militärische Lage allein nötigt Jugoslawien zu solchen Überlegungen. Zwar beteuert die Regierung ihre volle Unabhängigkeit, sogar veröffentlichen Belgrader Zeitungen Artikel des jugoslawischen Botschafters in Washington, der sich nicht scheut, sehr harte Urteile über die wirtschaftliche und politische Leistungsfähigkeit des amerikanischen Kapitalismus zu fällen, aber niemand nimmt dies so ganz ernst. Im Anblick des heraufziehenden Gewitters fragt man eben auch in Belgrad – wie in ein paar Dutzend anderen Ländern – hauptsächlich danach, was die Amerikaner machen werden, nicht aber was Tito machen wird. In dieser Frage allein liegt schon eine gewisse Anerkennung einer amerikanischen Führerrolle. Tito selbst muß heute seine Hoffnungen auf Amerika setzen, auf das ebenso auch seine innerpolitischen Gegner letzten Endes hoffen, mit Ausnahme der Stalinisten, die ihn und die Amerikaner in gleicher Weise zum Teufel wünschen ...