Kreneks Kammeroper "Tarquin"

Köln, im Juli

Zum zweiten Male kommt ein Bühnenstück, das die binnendeutschen Reportagen unserer jüngst vergangenen Erlebnisse mit der Diktatur an künstlerischer Bedeutung überragt, aus der Distanz der amerikanischen Emigration. Ernst Krenek schrieb seinen Tarquin 1940/41, als er bereits räumlichen Abstand gewonnen hatte von den Erlebnissen seines Heimatlandes Österreich beim "Anschluß" an das Großdeutsche Reich. Die Formung von Text und Handlung überließ er diesmal dem amerikanischen Schriftsteller Emmet Lavery, dem katholischen Verfasser der "Ersten Legion".

In einem Vorspiel wird der spätere Diktator, General Tarquin, als Abiturient Marius der Franziskus-Hochschule charakterlich mit zwei befreundeten Kommilitonen konfrontiert. Marius betet skrupellos die Macht an und will mit Gewalt der Erste sein, obwohl ihm der innere Rang dazu fehlt. Der wirkliche Primus, Cleon, verkörpert dagegen den Geist und die Weisheit. Er wird in der politischen Handlung später der Führer der Widerstandsbewegung des Landvolks gegen den Usurpator. Zwischen den beiden Männern steht Corinna, die Liebe, die Marius nicht sieht, aus der aber dann eine den Widerstandswillen des Volks begeisternde "Heilige" wird. Sie ist für Tarquin nicht käuflich. In einem Nachspiel wird der Diktator von Corinna und Cleon als den mahnenden Mächten seines unterdrückten Gewissens zur inneren Umkehr bewogen. Aber es ist zu spät. Als Abtrünniger seiner eigenen "Bewegung" wird er von seinem Stellvertreter und einem feilen Schurken zu Fall gebracht.

An die um metaphysische Transparenz bemühte Tiefendimension hält sich hauptsächlich Kreneks Musik. In ihren technischen Mitteln ist sie von frappierender Kargheit. Zwei Klaviere, eine Violine, eine Klarinette, eine Trompete und Schlagzeug genügen dem Komponisten als instrumentale Partner der expressiv hochgeladenen Singstimmen. Dieses musikalische Ensemble tritt dem selbständig entwickelten "Drama" vor allem mit einer melodischen Substanz gegenüber, die den seelischen Extrakt des Geschehens aufsaugt und ihn in eigenwertiger Form zu intensiver Aussage verdichtet. Gewiß trägt die Musik mit ihren zuweilen impressionistischen Zügen auch zur allgemeinen "Stimmung" bei. Bannend und bezwingend aber wirkt sie durch die ausgesparte, auf jeglichen bloßen Klangrausch und alles Illustrative verzichtende Eigenkraft, die die spätromantische Ausdrucksspannung etwa eines Pfitzner mit harmonischen Mitteln nach Schönbergs Art umwirbt.

So klein der äußere Apparat, so hoch sind die Ansprüche des Werkes an die Ausführende. Vor allem die Sänger haben stimmlich ungemein schwierige Aufgaben zu lösen. Es wirkte fast überraschend, bis zu welchem Grade das der Kölner Oper gelungen war.

Wolfgang von der Nahmer hatte das Instrumental- und Gesangsensemble mit vorbildlicher Intensität ausgefeilt und erzielte eine Leichtigkeit der Wiedergabe, die alle Spuren der Mühe überwunden hatte. Johannes Jacobi