Hoch über den Straßenschlünden New Yorks karren Bauarbeiter Zement und Steine. Einer tritt fehl, stößt einen anderen an, und der wärt beinahe abgestürzt. Dem Zuschauer wird nur ein ganz kurzer Blick auf das Ameisengewimmel der Straße gestattet. Ihm schwindelt immer noch, als die Arbeiter längst ihren Schock überwunden haben. Sie sind aus Italien eingewandert, weil sie glaubten, dadurch größere Chancen zu gewinnen, die sich nun jedoch als lebensgefährliche und noch dazu unregelmäßige Arbeit herausstellen. Jeder zwingt das in seiner Art. Und das macht gerade die erfreuliche Lebensnahe dieses Filmes "Haus der Sehnsucht" – Give us this day – aus (ein Rank-Film, dessen deutsche Erstaufführung die "Urania" in Hamburg in Originalfassung zeigte).

Der Regisseur Edward Dmytryk ist in die Schule des italienischen Neurealismus gegangen und hat dem Leben der Arbeit und Armut all die wahren Attribute verliehen, die sehenden Augen im Alltag ablesen können. Und er vermochte noch mehr; es gelang ihm, in das graue Einerlei auch versöhnende Strahlen fallen zulassen. Das ist sicher nicht allein sein Verdienst. Manchen guten Einfall enthält schon das Drehbuch, das nach einer Novelle des Italieners Pietre di Donato entstand.

Als man 1946 für ein Bühnenstück, in den Ingrid Bergman die Hauptrolle innehatte, den männlichen Gegenpart suchte, fand man in Chicago Sam Wanamaker. Seitdem hat sich dieser Schauspieler, der einmal Boxer werden wollte, in die erste Reihe gespielt und wird auch dem deutschen Publikum nun im Gedächtnis bleiben. Er spielt den Geremio, der sich seine Frau aus Italien kommen läßt und mit ihr in der Ersatz-Taverne in New York eine echt italienische Hochzeit hält, als den wirklich Namenlosen von Tausenden seinesgleichen. Und er verspielt sein Glück wie diese ohne sein Zutun unter dem Zwang, nach dem bißchen Geld zu jagen, das Frau und Kinder zum Leben brauchen und für das Haus, ein Haus der Sehnsucht, bis es Geremio durch seinen Tod bezahlen kann und so den Wunsch seiner Frau endlich erfüllt. Diese Annuntiata spielt du Italienerin Lea Padovani, die von Orson Welles einst nach Hollywood verpflichtet wurde und nun mit ihrem so beweglichen Gesicht die kleinsten Regungen von Freude, Leid und Entsetzen wiederzugeben vermag. All den anderen Mitwirkenden kann nur Glück gewünscht werden, daß sie in diesem besonderen Film so besonders gut und dabei doch so wenig gespielt haben. An Streifen dieser Art läßt sich lernen, wie und wo die viel diskutierte Filmkrise unserer Zeit anzupacken ist.

Was man heute nicht mehr sehen möchte, demonstrierte dagegen mit besonderer Vehemenz das wuchtige Filmopus "In den Klauen des Borgia", das für Hamburg im Waterloo-Theater gezeigt wurde. Wenn man die Historie und nicht einen wenig davon berührten Roman hätte sprechen lassen, und wenn statt schauerlicher Vorgänge (bei einer Blendung mit der bloßen Hand, die, leider ohne daß es bekannt ist, nur zum Schein vorgenommen wird, verließen Zuschauer polternd ihre Plätze) mehr für Orson Welles zu tun gewesen wäre, hätte sich darüber reden lassen. So bleibt der fade Geschmack nach dem Genuß filmischer Renaissancepracht, obwohl die Kulissen echt waren, und der Wunsch, Orson Welles, der dem Borgia mit mächtiger schwarzgewandeter Statur alle virtuosen Zeichen des bösen, verschlagenen und hungrigen Machtmenschen gab, wieder in einer die Szene füllenden Rolle zu sehen, schl.