Von Walter Abendroth

Das heutige Stadtbild des alten Salzburg ist das Werk des Fürstbischofs Wolfdietrich von Raitenau. Schloß Mirabell erbaute er für Salome Alt, eine schöne Salzburger Bürgertochter. Sie soll angeblich seine Geliebte gewesen sein; sie haben zahlreiche Kinder miteinander gehabt."

So verkündet der Fremdenführer einer schweizerischen Reisegesellschaft oben an der Mauerbrüstung der Festung Hohensalzburg angesichts des einzigartigen Rundblicks über Stadt, Gebirge und Ebene.

Noch vor zwei Jahren zeigte das Stadtbild das Werk alliierter Bombengeschwader: es fehlte die Kuppel des Domes, und es gab auch sonst noch einige Schönheitsfehler gleichen Ursprungs. Heute bietet der Dom wieder das altgewohnte Bild, und fast alle wirklich schmerzlichen Kriegswunden sind verheilt. Mit Ausnahme des allerdings total zerstörten Leopold-Mozart-Hauses am Makartplatz (ein sauberer Bretterzaun verbirgt die Trümmerstätte), einiger Nebengebäude des Mirabell-Schlosses und mehrerer Häuser am Fuße des Mönchsberges lagen sie ohnehin nicht im Blickfeld der Salzburgpilger.

Alles wird auf Festlichkeit poliert. Man restauriert, baut und modernisert in amerikanischem Tempo, aber – im großen und ganzen – mit europäischem Geschmack und österreichischer Traditionstreue. Freilich nehmen alte Salzburger bereits Anstoß an den roten Sonnenschirmen, die vom Café Winkler auf dem Mönchsberg frivol zu der Monumentalität der Festung kontrastieren. Aber die neue Mönchsberg-Auf fahrt im Lift innerhalb dies Felsens mit luxuriöser Eingangshalle wird doch als stolze Errungenschaft vermerkt. Die Tausende von reisenden Amerikanern, Engländern, Franzosen und Schweizern, die in ihren klotzigen Wagen oder gewaltigen Gesellschaftsbussen das Salzburger Land und das Salzkammergut überschwemmen, können so etwas ja wohl auch verlangen. Da sie durchweg meiden, was nur mit Gebrauch der eigenen Füße erreichbar ist, wartet Österreich mit Sehnsucht auf die Wiederkehr deutscher Touristen, von denen auch die entlegeneren und kleineren Orte, insbesondere in den Bergen, etwas haben. Denn "Fremdenverkehr" ist das große Zauberwort, von dem das Land sich wirtschaftliche Sanierung und Stabilität verspricht.

Salzburg ist natürlich das Zentrum dieser Bemühungen. Ebenso natürlich, daß dabei in der Mozartstadt neben dem großstädtischen Gebraus der Straßen und Gassen verstopfenden Autokaskaden die "eigentliche" Musik eine hervorragende Rolle spielt. Und das nicht nur in der Festspielzeit. Das Mozarteum ist seit dem Kriegsende zu neuer Aktivität gediehen und eine musikalische Erziehungsstätte von internationalem Rang geworden, deren Lehrkörper auch prominente Wiener Künstler angehören. Im vorigen Monat hielt Paul Hindemith dort einen stark besuchten Kompositionskursus ab. Von Mitte Juli bis Ende August finden die Dirigenten-, Musik- und Theaterkurse der "Internationalen Sommer-Akademie" statt, bei der als namhafte Dozenten die Komponisten Blacher, Kornauth und Krenek mitwirken. Blachers Oper "Romeo und Julia" steht übrigens als Premiere auf dem Festspielprogramm.

Die Mozartstadt ist neuerdings auch eine Pfitznerstadt geworden. Seitdem Salzburg dem todkranken Meister ein letztes Asyl gewährte, seitdem das Mozarteum den Achtzigjährigen noch einmal würdig feierte und bald darnach die Salzburger drei Tage lang an seinem im Foyer des großen Mozarteumsaales aufgebahrten Sorge vorbeidefilierten, gehören die Begriffe Hans Pfitzner und Salzburg zusammen. Es wird erwogen, in dem Museum, das auf der Festung neu entstehen soll, ein Pfitzner-Gedenkzimmer einzurichten.