Die zunehmende Spannung im Ostseeraum ruft in Schweden wachsende Beunruhigung hervor. Erst kürzlich, am 15. Juli, richtete die Zeitung der Roten Armee, der Rote Stern, einen heftigen Angriff auf führende schwedische Politiker und Militärs mit der Behauptung, daß sie einen Angriff auf die Sowjetunion planten. Gleichzeitig mußte man in Stockholm mit Besorgnis registrieren, daß die sowjetischen Flottenbasen immer weiter nach Westen, ins Gebiet der Sowjetzone, vorgeschoben wurden. Die Sowjetunion, die für Schweden früher nur eine Gefahr aus dem Osten darstellte, ist heute also auch zu einer Gefahr aus dem Süden geworden. Sollte ein sowjetischer Angriff erfolgen, dürfte Schwedens Lage alsbald sehr kritisch sein. Dennoch lehnen der sozialistische Staatsminister Erlander und sein Außenminister Unden nach wie vor jeden Gedanken an eine auch nur begrenzte militärische Zusammenarbeit mit einem anderen westlichen Lande oder Staatenbund ab und halten an ihrer Neutralitätspolitik strikt fest. Der schwedische Generalstab sieht sich daher Tag für Tag vor neue Schwierigkeiten gestellt, die Verteidigung des Landes im Rahmen einer neuen Außenpolitik vorzubereiten. Und Monat für Monat wächst die Gegnerschaft gegen den Regierungskurs.

Die drei Militärchefs, General Jung von der Armee, dann der Chef der Flotte, Helge Strönbäck, und schließlich der Chef der Luftwaffe, Bengt Nordenskiöld, haben bereits – allerdings ohne direkt die politische Linie des Kabinetts anzugreifen – öffentlich klargelegt, daß die sowjetische Aufrüstung an die schwedische Verteidigung Anforderungen stelle, die trotz eines Militäretats von 1,4 Milliarden Schwedenkronen faktisch vom Lande nicht allein erfüllt werden könnten. Schweden werde dasselbe Schicksal erleiden wie Norwegen und Dänemark im letzten Kriege, so sagen die schwedischen Militärs, wenn die Sowjets sich entschließen sollten, die dänischschwedischen Wasserstraßen zu passieren. Auch die Führer der Konservativen, Jarl Hjalmarson. und der Volkspartei, Berti! Ohlin, kritisierten die jetzige Politik der Regierung, Beide wünschen eine begrenzte militärische Zusammenarbeit mit Dänemark und Norwegen. Der schärfste Widerstand gegen das Kabinett aber kommt von einer interfraktionellen Gruppe, die sich aus Angehörigen der drei großen Parteien des Reichstages, den Sozialdemokraten, der Volkspartei und den Konservativen, zusammensetzt. An ihrer Spitze steht Herbert Tingsten, Chefredakteur von Dagens Nyheter – wohl der bedeutendsten Zeitung Schwedens –, der in einer Reihe von Artikeln Erlander und Unden mit bisher nicht gekannter Schärfe angegriffen hat.

Allen diesen Militärs und Politikern ist eins gemeinsam: Sie glauben nicht, daß es Schweden möglich sein wird, in einem künftigen Kriege neutral zu bleiben. Und in der Tat: Vermutlich dürfte eine solche Politik schon bei Ausbruch der Feindseligkeiten Schiffbruch erleiden. Dann stünde Schweden ganz allein. Würde es jedoch heute an die Stelle seiner Neutralitätspolitik eine Allianz-Politik treten lassen, wäre ihm im Ernstfall zweifellos zusammen mit Dänemark und Norwegen eine Verteidigung Skandinaviens möglich, zumindest solange – man rechnet bis zu sechs Monaten – bis Hilfe eintrifft. Schweden hat schließlich eine der schlagkräftigsten Luftflotten Europas von etwa 1000 erstklassigen Kampfflugzeugen, und eine moderne, mit Radar versehenen Marine.

Es besteht daher trotz des Eigensinns der Regierung kein Zweifel, daß Schweden schon in der nächsten Zukunft die Frage untersuchen wird, unter welchen Voraussetzungen es sich dem Westen nähern kann, ohne seine Linie der Neutralität gänzlich zu verlassen. Politische Kreise in der Hauptstadt sind der Ansicht, daß im Herbst, wenn die Kommunalwahlen beendet sind, die Diskussion außenpolitischer Probleme erneut aufgenommen wird, Das Resultat dürfte ein Schritt in Richtung Westen sein. Denn während das Land noch 1945/46 außerhalb des Spannungskreises des Ost-West-Konfliktes stand, ist es heute dem überwiegenden Teil der nichtkommunistischen Schweden klar geworden, daß ihr Staat nicht nur zum Westen gehört, sondern daß seine weitere Existenz nicht zuletzt von der militärischen Stärke des Westens abhängt. Engdahl-Thygesen