Was es an wirtschaftlichen Nöten und Problemen in Westdeutschland gibt, das gibt es auch in Berlin. Freilich tritt hier alles viel deutlicher in Erscheinung, und ‚manches ist geradezu ins Groteske verzerrt. Schon die Tatsache, daß man erklären muß, wovon man spricht, wenn man "Berlin" sagt, zeigt, wie kompliziert und verworren hier vieles ist. Die Schäden sind hier vervielfacht zu spüren, die die Zerstörung eines vormals einheitlichen Wirtschaftsgefüges Deutschland zur Folge gehabt hat. Westen und Osten der Stadt haben je eigene Verwaltung, verschiedene Währungen, und die Wirtschaftssysteme sird unvereinbar,

Wenn sich die westdeutsche Wirtschaft über ostdeutsches Dumping beklagt, wenn die westdeutschen Finanzen durch den (teilweise offiziell georderten) Schmuggel aus Ostdeutschland schwere Verluste erleiden, so gibt das einen Hinweis darauf, wie sehr sich diese östlichen Praktiken erst in Berlin bemerkbar machen müssen. Dazu tritt in Berlin noch die währungsbegünstigte Konkurrenz des Ostberliner Handwerks. Es erfordert viel Disziplin von den Westberlinern, wenn sie die mannigfaltigen Vorteile nicht ausnützen sollen, die das Währungsgefälle bietet. Die allermeisten halten sich wirklich zurück. Die Behauptung, die Berliner könnten im Osten alles ungefähr ein Sechstel kaufen, ist völlig falsch. Unrichtig ist zunächst einmal "alles": nur wenige Waren sind im Osten ohne Karten oder Bezugsscheine ohne weiteres erhältlich. Wer aber kauft, der tut es meistens aus Not; der Arbeitslose, der Rentner, der "Währungsgeschädigte", der Ostmarkeinkünfte, aber Westmarkausgaben hat.

jene wirtschaftlichen Verbindungen mit dem Osten aber, die Berlin immer gehabt hat und die es heute brauchen würde, sind sehr schwach geworden. Das liegt nicht am Ostmarkkurs und könnte, durch einen anderen Kurs oder durch ein: völlige Änderung der Währungsverhältnisse auch nicht geändert werden. Das ergibt sich vielmehr daraus, daß der Osten die wirtschaftlichen Beziehungen ausschließlich nach seinen wirtschaftlichen Bedürfnissen gestalten will: Berlin ist fast völlig abgeschnitten von seinem natürlichen Hinterland. Lebensmittel, Baustoffe und andere Massengüter, die es früher aus der näheren Umgebung bezog und jetzt wieder beziehen möchte, kann es nicht bekommen, weil sie in der Ostzone selbst knapp sind. Die hochwertigen Industrieerzeugnisse, mit denen Lieferungen Ostdeutschlands bezahlt werden könnten, sind daher an den Osten nicht zu verkaufen.

Das ist eins der Grundübel: Der Absatz an den Osten ist sehr gering geworden, und die Rohstoffe müssen jetzt den weiten Weg aus dem Westen nach Berlin machen. Der Zwang, neue Absatzmärkte zu finden, ist eine schwere Aufgabe für die Berliner Industrie, und die Notwendigkeit, viele Produktionsmaterialien jetzt aus dem Westen heranzutransportieren, belastet die Kostenrechnung sehr schwer.

Andere Sonderschwierigkeiten Berlins sind oft genug genannt worden und sollten allgemein bekannt sein: Kriegszerstörungen und Demontagen waren etwa viermal so umfangreich wie in Westdeutschland; die Industrie muß daher viel mehr mit veralteten Maschinen arbeiten als der Westen; der Wiederaufbau nach dem Kriege begann ohne jedes Betriebskapital; die Blockade schwächte die Wirtschaft nochmals gewaltig; viele Arbeitsplätze sind dadurch verloren gegangen, daß Berlin keine Hauptstadtaufgaben mehr ausübt. Das Resultat: Berlin kann zur Zeit aus eigener Kraft noch weniger leben als Westdeutschland.

Und die Konsequenz? Nicht etwa, daß Berlin nie wieder existenzfähig werden könne. Vielmehr, es muß alles getan werden, Berlin wieder auf eigene Füße zu stellen und damit die Zuschüsse, die es jetzt erhält, allmählich verringern zu können. Trotz aller Hilfe, die der Westen der Berliner Wirtschaft angedeihen läßt, ist anderseits Berlin noch nicht in allem der westdeutschen Wirtschaft gleichgestellt.

Das Wichtigste zur Zeit dabei ist, Absatz für die Berliner Industrieerzeugnisse zu finden. Die Umsatzsteuerrückvergütung für Bezüge aus Berlin ist ein begrüßenswerter Ansatz nach dieser Richtung. Das genügt aber noch nicht; denn aus Gründen, für die Berlin nicht verantwortlich gemacht werden kann, ist die Wettbewerbsfähigkeit auf vielen Gebieten nur schwach. Die ERP-Mittel, die jetzt nach Berlin fließen, ermöglichen es, Modernisierungen vorzunehmen und dadurch die Industrie leistungsfähiger zu machen. Rationellere Produktionsmethoden bedeuten aber gleichzeitig, wie das auch in Westdeutschland festzustellen ist, Freisetzung von Arbeitskräften, so daß auf dieser Weise das Problem der Arbeitslosigkeit und der dadurch bedingten Wirtschaftslähmung nicht zu lösen ist. Um die Arbeitslosigkeit auf die Dauer zu beseitigen, sind nicht Notstandsarbeiten, sondern Erweiterungen der industriellen Kapazität nötig.

Obwohl die Bedingungen des Wirtschaftens in Berlin so schwierig sind, kann in letzter Zeit doch eine eindeutige, wenn auch erst leichte Besserung festgestellt werden. Die Konfektion, hat sogar einen recht beachtlichen Aufschwung genommen. Auch die Elektrotechnik ist etwas besser beschäftigt, könnte freilich noch beträchtlich mehr produzieren. Der Maschinenbau wird erheblich leistungsfähiger werden, wenn er seinen Produktionsapparat modernisiert hat, In der Pharmazeutik konnten jetzt ostdeutsche Produkte zurückgedrängt werden, so daß auch hier eine Belebung festzustellen ist. Die Seifenindustrie hat es freilich schwer, sich gegenüber der westdeutschen Konkurrenz durchzusetzen, die sich auch auf anderen Gebieten sehr fühlbar macht. Im ganzen überwiegen aber doch schon die Besserungszeichen. Franz Rupp