Es gibt wenig geistige Ereignisse der letzten Jahrzehnte, die so weitverzweigte Wirkungen auf das gesamte abendländische Denken gehabt haben wie das Werk des Schweizer Psychologen C. G. Jung, der in diesen Tagen fünfundsiebzig Jahre alt wird. Es umfaßte (um zunächst vom Äußerlichen zu sprechen) schon 1944 nicht weniger als 109 Titel in deutscher Sprache, dazu Dutzende in französischer und englischer, und reicht thematisch von der "Psychologie des Gerüchts" und "Konflikte in der kindlichen Seele" über "Kenntnis des Zahlentraums" und "Psychologie und Dichtung" zur "Ehe als psychologische Beziehung", "Komplex und Mythos" und "Erlösungsvorstellungen in der Alchimie".

In aller Kürze sei der Lebenslauf dieses ungewöhnlichen Mannes rekapituliert: C. G. Jung, am 26. Juli 1875 im Kanton Thurgau geboren, arbeitete zunächst an der Zürcher Irrenanstalt Burghölzli unter Ernst Bleuler, einem der Begründer der modernen Psychiatrie, studierte dann bei Janet in Paris, arbeitete sich von 1907 bis 1913 in die Freudsche Psychoanalyse ein und ging dann völlig eigene Wege, die ihn nach dem ersten Weltkrieg räumlich von Tunis über Mexiko nach Kenya, geistig von der Mythenwelt primitiver Kulturen über die Symbolik des Fernen Ostens zur griechischen Mythologie führten.

Jungs geistige Leistung reicht zu tief, um ohne Verluste ins Oberflächliche gebracht zu werden, und ist zu weit, um knappe Betrachtungen zu erlauben. Denn Jung faßt den Gegenstand seiner Forschung, die Psyche, so radikal und universell wie keiner vor ihm. "Mit der Psychologie hat es die eigenartige Bewandtnis, daß bei ihrer Begriffsbildung der psychische Vorgang nicht bloß Objekt, sondern zugleich auch Subjekt ist." Damit ist die rein naturwissenschaftliche Beobachtungsweise der meisten Vorgänger (einschließlich Freuds) zugunsten einer Psychologie engagée (wie man in Abwandlung eines Sartreschen Begriffes sagen könnte) überwunden und ein Standort erreicht, von dessen Höhe aus das Ganze des menschlichen Geistes überschaut und neu gedeutet werden kann.

Dieses Übergreifen der Psychologie über ihre historischen Grenzen begann in der Zusammenarbeit Jungs mit dem Sinologen Richard Wilhelm und dem Indologen Heinrich Zimmer und wirkte hinüber zu den Psychologie und Mythenforschung gleichermaßen umwälzenden Studien mit Karl Kerényi, dem großen Deuter der Mythenwelt. Mystik und Mythologie sind dadurch in ihrem gemeinsamen Ursprung erkannt worden. Bemerkenswert ist es, daß auch die Theologie (die protestantische durch H. Schaer und die katholische durch Victor White) zu der den religiösen Trieb als Urphänomen anerkennenden Psychologie Jungs Verbindung gefunden hat, sehr zum Unterschied von ihrer schroffen Ablehnung Freuds, dem sie sexualistischen Dogmatismus vorwirft.

Bei Jung kann in der Tat von Dogmatik keine Rede sein. Wie sehr er selbst davon überzeugt ist, daß seine Psychologie noch durchaus im Flusse ist, zeigt der Satz, den er einem Einführungsband in seine ’Lehre (Jacobi, "Psychologie von C. G. Jung", Rascher-Verlag, Zürich) voranschickt: "Da es meine feste Überzeugung ist, daß die Zeit zu einer Gesamttheorie, die alle Inhalte, Vorgänge und Phänomene des Psychischen zentral erfaßt und darstellt, noch längstens nicht gekommen ist, betrachte ich meine Ansichten als Vorschläge und Versuche zur Formulierung einer neuartigen naturwissenschaftlichen Psychologie". Nun, diese "Vorschläge und Versuche" sind fruchtbarer geworden als die meisten in sich geschlossenen Theorien des Unterbewußten.

Roland Nitsche