Sie ist noch nicht einmal hundert Jahre alt und schon Vollwaise. Die väterliche Kriegsmarine und die mütterliche Werft blieben auf dem Felde der Ehre und der Demontage. Sie ließen die Hunderttausend-Menschen-Stadt Wilhelmshaven allein zurück. Wenn an die Küste der Riviera über Nacht das Eismeer spülte oder im Ruhrgebiet die Kohlengruben zugeschüttet würden, dann käme das etwa der wirtschaftlichen Katastrophe gleich, die die Stadt am Jadebusen traf. In ihren Mauern birgt sie heute prozentual die meisten Arbeitslosen Deutschlands, trotz Watenstedt, trotz Westberlin. Fast die Hälfte aller Einwohner lebt ohne festes Einkommen. In dem einstigen Hafenbecken schwappt totes Wasser. Die Sprengungen sind seit ein paar Monaten eingestellt, weil es beim besten Willen nichts mehr zu sprengen gibt ...

"Schlicktown" haben die Mariner die Stadt getauft, denn sie ist nicht nur von Schlick umgeben, sie steht sogar in ihm, wenn auch auf Pfählen. Am 20. Juli 1853 überließ das Großherzogtum Oldenburg in einem Geheimvertrag dieses so wertlose Jadegebiet dem Königreich Preußen, das hier einen Kriegshafen bauen wollte. 353 Menschen wohnten damals dort, wo 87 Jahre später 133 572 gezählt wurden; hinzukam eine Garnison von etwa 100 000 Mann. In amerikanischem Tempo war eine Stadt aus dem Boden geschossen, mit Europas größter Schleuse, Kran und Drehbrücke. Das war 1940. Fünf Jahre später lagen 91 Wracks im Hafenbecken. In letzter Minute gelang es, einen im Bunker der Reichskanzlei ausgearbeiteten Überflutungsplan zunichte zu machen. Doch als die Engländer kamen, wurde das Projekt der Deichdurchstechung erneut aus der Schublade geholt. Und nachdem auch dieser Angriff abgeschlagen war, begann die Demontage. Die Demontage einer Großstadt.

Im Berliner Verteilungsschlüssel waren die Maschinen der Kriegsmarinewerft Wilhelmshaven der Sowjetunion zugesprochen worden. Pünktlich, wie stets in solchen Fällen, traf eine Kommission der Roten Armee in der Jadestadt ein. Sie trank Wodka, verblüffte durch ihre schnittigen BMWs und ihre nicht weniger eleganten westlichen Manieren, und warnte im übrigen darüber, daß etwa 25 000 Tonnen Material, hochwertige Maschinen und wertlose Bleche–in Riesenkisten verpackt auf 24 sowjetische Dampfer verladen wurden. "Wir kommen wieder", sagten sie zum Abschied, "und zwar dann, wenn das monopol-kapitalistische Regime in Westdeutschland zusammengebrochen ist." Und sie kamen wieder. Der letzte Dampfer war noch nicht über die Kimm verschwunden, als er beidrehte. Die gewissenhaften Sowjets hatten die große Uhr über dem Werfttor I, zu der seit Jahren täglich lausende von Wilhelmshavener aufblickten, vergessen ...

Seitdem, so sagen die Wilhelmshavener, wissen die verbliebenen Alliierten nicht mehr, was die Uhr geschlagen hat. Sie sind nicht gut auf die wenigen Besatzungssoldaten zu sprechen, die man auf den Straßen trifft. Und wer die Werft gesehen hat, die der Stadt das Brot gab, der weiß warum. Dort, wo man sich früher verlaufen konnte, steht heute buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen. Nur ab und zu ragt aus der vielleicht 50 Zentimeter hohen Steinwüste ein gesprengter Bunker hervor, dessen zusammengefallene zementene Wände und Decke aussehen wie ein rundes Stück leichtdemolierter Torte. "Freiheit für Max Reimann" steht auf einem Trümmerblock. Die drei großen Schleusen des Hafens sind gesprengt; lediglich die vierte, die kleinste vor dem Ems-Jade-Kanal, blieb verschont. Die Einfahrten sind durch künstliche Dämme zugeschüttet worden.

Ebenso schnell wie es gewachsen war, schien Wilhelmshaven 1945 wieder unterzugehen. Für Monate hatte der Puls der Stadt bereits ausgesetzt. Da kehrte sie mit Gewalt ihr Gesicht dem Lande zu. Sie will ein neues Industriezentrum werden. Schon existieren 150 Betriebe, vor allem aus der Textil-, Leder- und Metallbranche (vor fünf Jahren gab es ein einziges größeres privates Unternehmen). In der Marktstraße, dem "Jungfernstieg" der Stadt, öffnen jede Woche neue Geschäfte. In wiegendem Gang schieben sich die Männer über die Bürgersteige, um das dünngewordene, blaue Tuch ihrer Collanis zum erstenmal wieder mit einem zivilen Anzug, ihre Bordschuhe mit Halbschuhen zu vertauschen. Die Bevölkerung ist nicht apathischer als in irgendeiner anderen deutschen Stadt; sie kaufte in diesen Wochen Korea-Reis, Zucker und Nährmittel so sinnlos ein, wie es anderswo auch geschah. Und sie ist nicht radikaler. Zwar gingen bei der letzten Bundestagswahl die Stimmen der SPD von 53 auf 33 v. H. zugunsten der DRP zurück, aber das geschah weniger aus dem Bestreben der Wähler heraus, extrem zu sein, als vielmehr in der Absicht, ihrer Unzufriedenheit mit der Einparteien-Verwaltung Ausdruck zu geben.

Die kriegerischen Ambitionen sind dahin. Der letzte Seebefehlshaber Nordsee, Admiral F., leitet den Vertrieb einer Zeitung. Dieses Wort stammt von ihm: "Früher forderte ich von den Rekruten der Kriegsmarine, daß sie ihr bisheriges ziviles Leben hinter sich lassen sollten. Folglich fordere ich heute von mir, daß mein bisheriges soldatisches Leben hinter mir liegt." Das einzige deutsche Seewasser-Aquarium, das im Kriege der Kriegsmarine unterstand, steht wieder kurz vor der zivilen Eröffnung. Vor den Toren der Stadt hat sich eine Hochschule etabliert; "Soldaten gingen – Studenten kamen", schrieb eine Zeitung. Die Vogelwarte von Helgoland ist nach Wilhelmshaven übergesiedelt. Und auf dem Deck eines der letzten deutschen Schnellboote stehen Liegestühle, um die Kurgäste des "Seebades Wilhelmshaven" zu einer Fahrt nach den Ostfriesischen Inseln zu verleiten.

Und dennoch: Die Kehrtwendung zum Lande allein wird Wilhelmshaven nicht retten. Ohne Hafen kann es keine Großstadt bleiben. Und da es als Kriegshafen ausgespielt hat, bieten sich automatisch seine Qualitäten als Handelshafen an: Es liegt näher am Ruhrgebiet als Hamburg und Bremen. Die Zweiteilung Deutschlands hat ihm kein Hinterland genommen. Und die einlaufenden Schiffe können unbehindert vom gefährlichen Nordweststurm ihren Kurs auf die Hafeneinfahrt steuern. "Schlicktown" kann dem Meer gar nicht den Rücken zuwenden. Es ist auf drei Seiten von ihm umgeben. Darum wird Wilhelmshaven auch nicht zur Wilhelmsstadt herabsinken. – bi