Von Anthony Morley

Die amerikanische Presse, die ihrer Tradition nach genau und rücksichtslos auch über Niederlagen zu berichten pflegt, hat in den letzten drei Wochen einige ganz hervorragende Berichte von Augenzeugen des Korea-Konfliktes veröffentlicht, von Kriegskorrespondenten, die so schnell wie möglich auf dem Kriegsschauplatz erschienen, nachdem die Kommunisten ihren Angriff im Morgengrauen des 25. Juni begonnen hatten. Das Bild, das sie zeichnen, ist gewiß nicht erfreulich, aber es ist unzensuriert, unverfälscht und kann als ein lebendiges Beispiel für alle dienen, die wissen wollen, was in anderen "Koreas" rund um die Welt eines Tages bevorstehen mag.

Eines fiel den Beobachtern in Korea augenblicklich auf: die Geschwindigkeit und Entschlossenheit des nordkoreanischen Angriffs! Es war ein fernöstlicher Blitzkrieg, der sogleich die schwache Verteidigung Südkoreas niederschlug und jenen Teil des Landes, der sich für Panzerschlachten geeignet zeigte, in Besitz nahm, ehe die übrige Welt recht eigentlich bemerkte, was los war. Erst am 6. Juli konnten amerikanische Streitkräfte in ein größeres Gefecht eingreifen, in einem Zeitpunkt, als die rote Offensive bereits Ziele erreicht hatte, die fast 40 Kilometer südlich von Suwon lagen. Seoul, die südkoeranische Hauptstadt, war längst gefallen, an die 90 Mitglieder des republikanischen Parlaments waren in Seoul verschwunden ... Die amerikanischen Abteilungen "erhielten nun wenig Unterstützung von der südkoreanischen Armee", schrieb Lindesay Parrott von der New York Times am 6. Juli, undAssociated Press meldete noch entmutigendere Einzelheiten. "Die Straßen entlang", berichtete ein Associated Press-Korrespondent, "sah man erstaunliche Beweise der Unfähigkeit, mit Waffen umzugehen. Panzerwagen, schwere Lastwagen und andere Transportmittel blieben zu Dutzenden stecken. Viele waren von der Straße in die Reissümpfe abgestürzt, manche lagen auf dem Rücken, die Räder hilflos in der Luft..!" Amerikanische Soldaten erhielten inzwischen ihre Feuertaufe in dem Gebiet südlich von Suwon. Eine Panzerabwehrbatterie mit 105-Millimeter-Haubitzen hielt sieben Stunden lang aus, bis ihre Munition erschöpft war und die Soldaten ihre Zielvorrichtung zerstören mußten. Es ergab eine grimmige Aussicht in die Zukunft, daß diese Männer sich zu Fuß vor 40 nordkoreanischen Tanks zurückziehen mußten, an deren Panzerplatten die Raketengeschosse und sogar die Granaten der Geschütze oftmals zerspritzten als wären sie harmlose Wassertropfen. "Die Geschichte dieser Soldaten war sehr einfach", telegrafierte ein United Pmi-Korrespondent zwei Tage später von der Front, "zu wenig Männer mit zu wenig Waffen, zu früh eingesetzt."

Das also war südlich von Suwon und verhältnismäßig frühzeitig in diesem Feldzug. Am 9. Juli hatten die amerikanischen Soldaten auch Chonan verloren und konzentrierten alle ihre Anstrengungen darauf, ihren erbarmungslosen Feind von dem seither berühmt gewordenen Kum-Fluß abzuhalten. "Müde, verbittert, nervös, ärgerlich", nach dem Bericht eines Frontreporters, fluchten sie wegen des Mangels an schwerer Artillerie, an Panzern und an Luftunterstützung. Sie fluchten ebenso auf die fliehenden Menschen, die die Straßen verstopften, auf die Regenfälle, die im Juli in Korea 350 Millimeter erreichen, und sie fluchten auf die neuauftretende Gefahr, daß die kommunistischen Guerillakämpfer sie immer gerade in dem Augenblick hinterrücks anfielen, da sie vorne mit einer riesigen Überzahl von Gegnern zu rechnen hatten. – ‚Was sollten wir tun?‘ klagte ein entmutigter Soldat. ‚Ein Maschinengewehr und 50 Flinten gegen ein ganzes Regiment! Sie hörten einfach nicht auf. aus den Bergen herunter zu steigen, das war’s.‘..."

Aus der Not geboren- war also McArthurs Entschluß, seine Truppen, so wie sie ankamen, augenblicklich einzusetzen. Ohne Möglichkeit, größere Streitkräfte anzusammeln und einen koordinierten Gegenangriff in Gang zu setzen, mußte er einen Verzögerungskampf fechten, in der Hoffnung, genug Zeit zur Errichtung einer ausreichenden Versorgungsbasis in dem entscheidend wichtigen Hafen Fusan zu gewinnen. Hätte er diese Verzögerungsaktion nicht geführt, würden die Nordkoreaner vielleicht die ganze Halbinsel innerhalb von Tagen überrannt haben. Aber der Preis, den Amerika für diesen Zeitgewinn zahlen mußte, erreichte eine tragische Höhe. Nicht der zehnte Teil der Truppen, die vor Taejon kämpften, hatte jemals vorher einen Feind gesehen, viele von ihnen waren junge Leute unter 20 Jahren, schnell zusammengezogen in Japan, wo sie angenehme Okkupationspflichten erfüllten –: die wurden nun in einen schmutzigen Krieg gegen eine überwältigende Zahl hervorragend geführter Kommunisten geworfen. Gooks – mit diesem Wort sprachen sie von ihren nordkoreanischen Gegnern, als sie auszogen; aber bald merkten sie zu ihrem Mißvergnügen, daß dieses verächtliche Schimpfwort der Sache in keiner Weise gerecht wurde.

"Oftmals im letzten Krieg", schrieb der Star unter den Kriegskorrespondenten, Homer Bigart, in der New York Herald Tribune, "beobachtete ich amerikanische Truppen unter sehr schwierigen Bedingungen, aber ich sah niemals annähernd diese Bitterkeit und Enttäuschung, wie sie die Männer an der Front gestern zeigten, als sie den Befehl zum Rückzug (von Chonan) erhielten." Derselben Überraschung, von Gooks geschlagen worden zu sein, gab Richard Johnston von der New York Times am 13. Juli Ausdruck: "Draufgängerei und Selbstgefälligkeit machten der klaren Erkenntnis Platz, daß die amerikanischen Truppen zumindest einen langen und kostspieligen Kampf vor sich haben, die Angreifer aus Südkorea zu vertreiben, daß sie aber vielleicht auch einen militärischen Zusammenbruch zu gegenwärtigen haben, in dem sie, in kleine Gruppen zerschlagen, entweder ins Meer getrieben werden oder in unwegsamen Gebirgspässen und sumpfigen Reisfeldern der Vernichtung anheimfallen könnten..."

Nahezu jedes Element des Terrains, des Wetters und der Taktik schien in diesen bitteren Kämpfen gegen die Amerikaner zu sein. Fast immer gab es Regen oder schweren Nebel, der ihren besten Freund, den unvergleichlichen F-80-Düsenjäger, verhinderte, sein Feuer und seine Bomben wirken zu lassen. Wenn auch manche südkoreanische Einheiten, die umgruppiert worden waren, hart kämpften, so versäumten sie es doch meistens, die Amerikaner von ihren Rückzügen zu verständigen, und ließen deren Einheiten durch Entblößung der Flanken in Einkreisungsgefahr geraten. "Das war die Hauptschwierigkeit", schrieb Bigart am 10. Juli, "der Feind war schnell und geschickt in seinen Flankenbewegungen, und die Amerikaner waren nicht stark genug, etwas dagegen zu unternehmen."