Zehn Millionen Inder leben unter dem Matriarchat

Durch den Schweizer Anthropologen Johann Jacob Bachofen ist der Begriff des Matriarchats, jene von der Herrschaft der Mütter getragene Lebens- und Gemeinschaftsform der Urvölker, der wissenschaftlichen Welt vertraut geworden. Wenig bekannt aber ist die Tatsache, daß es in Indien ein Gebiet mit einer Bevölkerung von zehn Millionen Menschen gibt, in dem die Idee des Matriarchats sich über Jahrtausende hinweg bis zum heutigen Tage erhalten hat. Es sind die Staaten Travancore und Cochin und der benachbarte Distrikt Malabar, die zu den fortschrittlichsten und kultiviertesten Gebieten Süd-Indiens zählen. Die Bevölkerung, nach ihrer Sprache (dem Malayalam) Malayalees genannt, ist in der Frage des Mutterrechtes westlichen Einflüssen unzugänglich geblieben, was wohl aus der Geschichte dieses Gebietes, das übrigens zu den landschaftlich reizvollsten Indiens gehört, zu erklären ist. Hier nämlich hat sich die Urbevölkerung der Drawidas am erfolgreichsten gegen die vor Zeiten vom Nordwesten, her eingebrochenen, Arier behauptet. Mehr oder minder unvermischt lebt sie heute in den Menschen jener Kasten weiter, die zwischen der Oberschicht der Brahmanen und der niedrigsten Kaste, der der Sudras, liegen. Dem Druck der Brahmanen zum Trotz haben sie sich die ererbte Form des matriarchalischen Lebens bewahrt – mit einigen charakteristischen Abänderungen.

Die Mutter steht im Mittelpunkt und die Herkunft wird auf eine gemeinsame Urahnin zurückgeführt, doch im Gegensatz zu anderen Patriarchaten ist in Fragen des Familienbesitzes dem weiblichen Oberhaupt ein männlicher Berater, der Karanavan, beigesellt. Gewöhnlich ist dies das älteste männliche Familienmitglied, der Sohn, Bruder oder Onkel der Frau. Er ist wohl der eigentliche Verwalter des Vermögens, aber er bleibt dabei nach europäischen Begriffen doch nur Gast in der Familie. Andere Veränderungen kamen im Laufe der Zeit hinzu. So kann heute ein Mann selbständig eine testamentarische Verfügung hinterlassen, die sich auf seinen selbsterworbenen Besitz bezieht, und das Familienvermögen wird nicht mehr nach denselben strengen Grundsätzen geteilt wie früher. Trotzdem ist die Vorrangstellung der Frau im wesentlichen nicht angetastet worden. Die Frauen dieser Landesteile erfreuen sich einer großen wirtschaftlichen Unabhängigkeit und persönlichen Freiheit, einer geachteten Stellung in der Gesellschaft und der Möglichkeit eines aktiven Eingreifens in das öffentliche Leben des Staates.

Allerdings tritt die Frau erst mit ihrer Verheiratung in diese Rechte ein, und so hat sich im Lauf der Jahrtausende der seltsame Brauch einer doppelten Hochzeitszeremonie eingebürgert. Die erste Heirat ist nur eine Formalität und wird oft schon im Kindesalter vollzogen. Der jungen Braut wird eine goldene Halskette umgehängt, die die Stelle des in der westlichen Welt üblichen Eheringes einnimmt. Jeder beliebige unverheiratete Mann kann dabei als Partner auftreten, denn seine Funktion ist lediglich symbolisch und erstreckt sich nur auf die Teilnahme an der Vermählungszeremonie und dem Festmahl. Dann muß er, mit einem Geschenk bedacht, das Feld räumen und sieht seine ihm nur formell angetraute Gattin oft nie wieder. Das junge Mädchen aber ist durch diese seltsame Scheinhochzeit in den Stand einer selbständigen verheirateten Frau aufgerückt und kann später durch eine zweite Heiratszeremonie, den sogenannten Sambandham, eine tatsächliche Ehe eingehen. Immer aber muß diese zweite Ehe in freier Wahl undin gegenseitiger Übereinstimmung der Partner erfolgen. Rechtlich stellt sie keine allzu feste Bindung dar: beide Teile können sie jederzeit und ohne gerichtliche Scheidung lösen und eine neue Ehe eingehen. Religiöse Riten fehlen bei diesen Eheschließungen. Der Bräutigam überreicht der Braut das Hochzeitsgewand, nimmt sie es an, so gilt die Trauung als vollzogen. Und doch ist die Mehrzahl dieser auf verhältnismäßig großer gegenseitiger Freizügigkeit geschlossenen Ehen glücklich und dauerhaft. Margret Reich