Wenn auch das Bad„-Jahr keine solche Flut von einschlägigen literarischen Neuerscheinungen gezeitigt hat wie das vergangene Goethe-Jahr, so sind doch einige Schritten zu verzeichnen, an denen kein Musiker oder Musikfreund vorübergehen sollte. Ihr gemeinsames Merkmal ist: gedrängter Inhalt auf schmalem Raum. Und die Erkenntnis, daß es an diesem Geistesriesen noch immer Neues zu enträtseln und zu entdecken gibt; daß seine Produktivität noch immer weiterwirkt.

Als wertvollste Gabe darf wohl ein Büchlein genommen werden, das den Dichter Oskar Locrke zum Verfasser hat (Johann Sebastian Buch. Zwei Aufsätze. Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer. 140 S., 5,– DM). Es enthält den Extrakt der Gedanken, die Loerke seinem Plan eines großen Bach-Buches zugrunde gelegt haben mag, der leider nicht ausgeführt wurde. Und das besondere an diesen Gedanken ist, daß sie bei aller Tiefe der dichterischen Schau doch eine geistige Nüchternheit der Einsicht, eine so von schlechtem Gefühlssubjektivismus freie Musikanschauung verraten, wie man sie bei „Laien“, zumal wenn sie als „Poeten“ musikalische Stoffe ansehen, nicht häufig antrifft. Diese beiden Aufsätze, zu denen Hermann Kasack eine knappe Einleitung schrieb, sind ein Gewinn.

Ein Geschenk besonderer Art ist auch Das Leben von J. S. Bach („Bachs Leben“ wäre freilich schöner gewesen) aus der Feder des feinsinnigen Richard Benz (Christian Wegner Verlag, Hamburg; 95 S.). Das Büchlein enthält nicht mehr und nicht weniger, als der Titel verspricht. Es versucht, gottlob, keine blumige Künstlernovelle zu erdichten, sondern gibt schlichte Wahrheit. So sauber und kenntnisreich vorgetragen, wie hier, erweist sie sich wieder einmal als das Wirkungsvollste, was der Nacherzähler eines großen Lebens zu erreichen vermag.

In wahrhaft abgründige Geheimnisse der kompositorischen Kunst führt Friedrich Smend mit seiner Studie Johann Sebastian Bach bei seinem Namen gerufen (Bärenreiter-Verlag, 36 S., 4,00 DM). Es handelt sich dabei um eine Deutung der Zahlensymbolik in Bachs Kontrapunktik, exemplifiziert an einem Musterbeispiel: dem Rätselkanon, den der Meister auf einem seiner bekanntesten Porträts in der Hand hält. Die Resultate der Smendschen Untersuchung sind schlechthin verblüffend. Sie können hier nicht angedeutet, sie müssen vom Leser selbst mit erarbeitet werden. Ihr Erkenntniswert liegt darin, daß offenbar wird, wie ungeahnt eng die oft berufenen Beziehungen zwischen Musik und Mathematik sein können und in den kunstvollsten Erscheinungen der strengen Kompositionsform über alle Vermutung hinaus sein werden. Das schmale Bändchen birgt den Anregungskeim zu einer ganzen speziellen Forschungsdisziplin.

Ebenfalls im Bärenreiter-Verlag legt Joseph Müller-Blattau die Genealogie der musikalischbachischen Familie, nach Ph. E. Bachs Aufzeichnungen wiederhergestellt und erläutert, vor (24 S., 1,80 DM), dankenswerte Neuerschließung eines fundamentalen Quellendokuments sowohl für Abstammungs- wie für Musikgeschichte. A-th