Der Einzelhandel steht zwischen Produktion und Konsum, doch näher am Konsum als an der Erzeugung. Die laufende Beobachtung dieses wichtigen Abschnitts im Kreislauf des Waren- und Geld-Flusses dient der Beurteilung der Situation auf dem Verbrauchsgütermarkt. Im Umsatz des Einzelhandels (und in seiner Verteilung auf die verschiedenen Warengruppen) spiegelt sich der kaufkräftige Bedarf. Das Verhalten der Käufer läßt außerdem Rückschlüsse auf die zukünftige Nachfrageentwicklung zu und beeinflußt somit stark die Einkaufsdispositionen des Handels. Art und Umfang der Warenbestellungen durch den Handel lenken ihrerseits die Produktion der Verbrauchsgüterindustrie.

Verfolgt man den Umsatzrhythmus der letzten Monate, so stellt man gegenüber dem „gewohnten“ Saisonverlauf doch Abweichungen fest. Vielleicht ist es aber auch noch verfrüht, eine „normale“ Umsatzentwicklung, die sich mit dem Auf und Ab der saisonalen Schwankungen in Friedensjahren genau deckt, zu erwarten. Einmal sind die Kaufgewohnheiten der Bevölkerung heute doch mehr durch den starken Nachholbedarf bestimmt als durch Saisoneinflüsse und zum andern lösen unerwartete Außeneinflüsse bei der empfindsamen Reaktion der Käufer sofort neue Störungen des sich erst allmählich wieder stabilisierenden Marktes aus; siehe DM-Abwertung im September 1949, siehe „Korea-Einfluß“ heute bei bestimmten Waren.

Insgesamt liegen (nach den Feststellungen des Instituts für Handelsforschung der Universität Köln) die Umsätze des Einzelhandels in diesem Jahre über denen des Vorjahres, was bei den ständigen Verbesserungen in Auswahl und Qualität des Warenangebotes nicht erstaunlich ist. Doch scheint die im Vergleich zum Vorjahr progressive Entwicklung der Umsätze im Abflauen begriffen zu sein. Während die Gesamtverkäufe des Einzelhandels in diesem Januar noch um 15 v. H. höher lagen als 1949, sanken sie im April zum ersten Male unter die Vorjahrshöhe und lagen auch im Juni nur um 5 v. H. über denen des Vorjahres. Da die Preise bei vielen Waren sinkende Tendenz zeigen, ist jedoch der mengenmäßige Verkauf zum Teil erheblich günstiger verlaufen, als es in den Wertziffern zum Ausdruck kommt.

Nachdem im vergangenen Jahre auf Grund besserer Einkaufsmöglichkeiten eine allgemeine Auffüllung der Warenlager erfolgte, ist der Einzelhandel in der letzten Zeit in seinen Einkaufsdispositionen vorsichtiger geworden. Viele Betriebe berichten von einer Einschränkung der Lagerhaltung, um nicht zu viel Betriebskapital im Warenlager zu binden.

Ein typisches Merkmal der augenblicklichen Marktsituation ist ferner die sichtbare Umschichtung des Kaufinteresses. Die Verkaufszahlen der einzelnen Branchen zeigen deutlich, wie sich die Bedürfnisse in ihrer Intensität seit der Währungsreform verlagert haben: nachdem bei Nahrungs- und Genußmitteln Mitte 1949 ein gewisser Sättigungsgrad erreicht war, wandte sich die Hauptnachfrage anschließend der Bekleidung und den Schuhen zu. Nun sind Gegenstände des Haus- und Wohnbedarfs vornehmlich gefragt. Schlußverkäufe sind immer Ausnahmen. Ka.