Vor wenigen Tagen wurde von zwei kalifornischen Ärzten, die Gastvorlesungen an der Berliner Freien Universität gehalten hatten, auch in dieser Stadt zum erstenmal mit Erfolg eine Operation der Blausucht durchgeführt.

Vor drei Jahren wurde ein neunjähriges Kind in das Mannheimer Städtische Krankenhaus eingeliefert. Nach gründlicher Untersuchung stellten die Ärzte eine angeborene Verengung der Lungenschlagader, verbunden mit der sogenannten „Blausucht“, fest. Die kleine Patientin zeigte die typische Blaufärbung des Gesichtes, insbesondere der Lippen, sowie der Finger- und Zehenspitzen, die wie Trommelschlegel aufgetrieben waren. Anfälle von Atemnot und Ermüdungserscheinungen traten schon nach wenigen Schritten auf. Der Arzt mußte jedoch damals mitteilen, daß eine Heilung dieses angeborenen Herzfehlers nicht möglich sei. Die Ursache dieser zwar nicht häufig auftretenden Krankheit war bekannt: Die Blausucht wird durch einen Defekt in der Scheidewand zwischen der rechten und linken Herzkammer hervorgerufen, der eine Durchmischung von sauerstoffreichem und sauerstoffarmem Blut verursacht. Dadurch entsteht die angeborene „Verengung“ der Lungenschlagader infolge mangelhafter Lungendurchblutung.

Durch jahrelange Beobachtungen kamen die amerikanischen Ärztinnen Maude Abott und Helen Taussig auf den Gedanken, die bei den Blue Babies (so nennen die Amerikaner die blausüchtigen Kinder) festgestellte Enge der Lungenschlagader zu umgehen und den Lungen Blut aus der Herzschlagader zuzuführen. Der amerikanische Chirurg Alfred Blalock führte im Jahre 1944 die erdachte Operation, die gewiß zu den schwierigsten und kühnsten chirurgischen Eingriffen zählt, zum ersten Male an einem blausüchtigen Kinde durch – mit dem Erfolg, daß die schwere Blausucht und Kurzatmigkeit und auch die Verminderung der Leistungsfähigkeit sofort verschwanden. Nach den bisher vorliegenden Nachrichten fühlen sich die damals operierten Kinder bis heute wohl. Auch dem Mannheimer Kind konnte jetzt geholfen werden.

Vier bis sechs Stunden dauern diese großen Operationen und zahlreiche Faktoren müssen zusammenwirken, um den endgültigen Erfolg zu sichern: die moderne, auch bei langer Dauer unschädliche Narkose, bei welcher unter Einführung eines Gummischlauches in die Luftröhre die Lungen dauernd mit Sauerstoff beatmet werden, fortlaufende Bluttransfusionen während der Operation und die Anwendung von Penicillin und Sulfonamiden in der Nachbehandlung, wodurch eine Infektion der Brusthöhle verhindert wird. Inzwischen ist die Blalocksche Operation auch in Freiburg, Hamburg und Düsseldorf erprobt worden.

Glücklicherweise sind nicht alle angeborenen Herzerkrankungen so schwerwiegender Natur wie die Blausucht. Man wird in vielen Fällen den chirurgischen Eingriff vermeiden können, da die Leistungsfähigkeit der Kinder durch den angeborenen Herzfehler nicht immer beeinträchtigt wird. K.H.