Die ACHEMA, die Ausstellungstagung für chemisches Apparatewesen in Frankfurt, hat einen erfreulich umfassenden Überblick über den Stand und Fortschritt im chemischen und chemisch-technischen Apparatebau gegeben. Dabei zeigte sich, daß auf vielen Teilgebieten der Anschluß an die Entwicklungen und Leistungen des Auslands wiedergefunden ist, während uns in mancher Hinsicht die fast zehnjährige Unterbrechung durch Kriegs- und Nachkriegszeit doch noch anhängt. Das gilt hauptsächlich für de Ausführung der Apparaturen, weniger für ihre Konstruktion. So beanstandeten Ausländer, daß deutsche Firmen in bestens entwickelte Forschung geräte unzulängliche MeS-Einrichtungen eingebaut haben, die den Wert der gesamten Apparatur beeinträchtigen. Solche Ungleichmäßgkeiten in der Qualität sind typische Erscheinungen eines überstürzten Wiederaufbaus.

Auf dieser Ausstellung, die in erster Linie dem Erfahrungsaustausch und der Anregung und erst in zweiter dem Verkauf dienen sollte, ist wohl nun alles gezeigt worden, was im dienischen Apparatebau in Deutschland erzeugt wird Vieles davon kam erstmalig vor die Augen einer breiteren Öffentlichkeit. Manches, das inzwischen aus der Literatur bekannt geworden war, wurde hier praktisch vorgeführt, gleichviel ob es sich auf den technischen Betrieb bezog oder im die reine oder angewandte Forschung.

Allein drei Elektronenmikroskope teuester Konstruktion waren da: Siemens und Philips (mit elektromagnetischer Optik) und AEG-Zeiss (mit elektrostatischer Optik). Interessant ist, daß das Philips-Gerät äußerlich ganz von dem deutschen Gerät abweicht. Zu bemerken bleibt, daß diese deutsche Erfindung gegenwärtig in 17 Staaten nachgebaut wird und weiter, daß sie allmählich auch in die Betriebspraxis Eingang findet. Für diese ist das Elektronenmikroskop mit seinem Preis von etwa 85 000 DM allerdings kein billiges Arbeitsgerät. Ein großer Platz war der technischen Meß- und Kontrollgeräten vorbehalten. Auf diesem Gebiet setzt sich immer mehr die Photozelle als Hilfsgerät für die automatische Kontrolle und Steuerung von chemischen oder technischen Prozessen durch und als neuestes Glied in dieser Entwicklung der Geiger-Zähler in Verbindung mit radioaktiven Substanzen. Ein ganz neuartiges Gerät ist das ,,Strahlungsmeßgerät FH 46“. Es dient der kontinuierlichen Überwachung und Messung der Stärke von Folien-Filmen, Papier und so weiter und beruht auf der Messung der Absorption von radioaktiven Strahlen durch die zwischen einen Strahler und das Zählrohr geführte Folie. Da bei der Messung weder das Material berührt noch der Produktionsprozeß irgendwie gestört wird, dürfte das Gerät noch große Bedeutung für die Industrie bekommen.

Mehr als 100 Aussteller zeigten eine Fülle von Laboratoriumsgeräten jeglicher Art. Interessant ist hier die Tendenz, chemische Untersuchungen, wie Elementaranalysen und Gasanalysen, durch Anwendung physikalischer Verfahren vollautomatisch auszuführen und abzukürzen. Als bemerkenswerte Neuheit erwies sich ein Ultrarot-Spektroskop das hauptsächlich zur Reinheitsprüfung chemischer Substanzen verwendet wird. Es ist das einzige Gerät dieser Art in Europa. Lediglich in den USA existiert ein zweites ähnlicher Konstruktion. Hoch bedeutsam für die zukünftige Entwicklung waren die neuen Geräte zur Gefriertrocknung und zur technischen Molekular-Destillation (als Freiweg-Destillation bezeichnet). Bei der „Gefriertrocknung“ werden leicht zersetzliche Substanzen wie Antibiotika (Penicillin), Vitamine und so weiter in Ampullen oder offenen Schalen bei etwa minus 10 Grad Celsius im Hochvakuum (etwa ein tausendstel Millimeter Quecksilbersäuledruck) unter Bestrahlung mit ultrarotem Licht getrocknet. Die „Freiweg-Destillation“ nach Leybold überträgt die Molekular-Destillation (Feindestillation im Hochvakuum zur Trennung von Substanzen mit geringen Siedepunktunterschieden und so weiter) erstmalig auf den technischen Maßstab. Ihr Vorzug liegt in der besonders schonenden Behandlung des zu destillierenden Gutes bei größtmöglichster Verdampfungsgeschwindigkeit und hohem Durchsatz (bis 50 kg und mehr je Stunde), was für die chemische Industrie eine ganz bedeutende Verbesserung darstellt.

Bemerkenswert sind auch die von verschiedenen Firmen gezeigten Apparaturen zur Bedampfung von Oberflächen mit hauchdünnen Schichten von Metallen, Quarz und so weiter im Hochvakuum. Mit Hilfe dieser Oberflächenbedampfung werden bereits im großen Umfange optische Linsen für Photozwecke mit Anti-Reflexschichten bedampft. Ebenso werden aber auch damit empfindliche Kunstmassen, Papier, Leder und andere mit unempfindlichen Schichten von Metallen und Quarz überzogen. Erwähnt sei außerdem an neuartigen Verfahren noch das Polieren von Metalloberflächen auf elektrolytischem Wege.

Bei den Maschinen und Apparaten für die chemische Industrie liegt die wichtigste neue Tendenz darin, möglichst weitgehend austauschbare Apparaturenteile zu schaffen, um die Rentabilität des chemischen Betriebs weiter zu steigern. Dies gilt beispielsweise für Destilliereinrichtungen, Kühler, Wärmeaustauscher und so weiter. Als bedeutsamste Neuheit soll hier die Nuwesta-Extraktionszentrifuge für Flüssigkeitsextraktion erwähnt sein. Sie ermöglicht mit einem bisher ganz unbekannten niedrigen Energieverbrauch die außerordentlich rasche kontinuierliche Extraktion chemischer Substanzen aus Lösungen, zum Beispiel von Phenolen aus Abwässern, Penicillin aus seinen wässerigen Lösungen und so weiter, und zwar mit einer fast hundertprozentigen Ausbeute. Erwähnt sei weiterhin, daß auch die Ultrarottrocknung immer mehr an Boden gewinnt.

Neu und aussichtsreich ist auch eine erstmalig gezeigte Vibrationsförderanlage, bei der das zu bewegende Gut, zum Beispiel Sand, Kies, Getreidekörner, lediglich durch Vibration, durch Schwingungen also, bewegt wird. Diese Anlagen, die durch elektromagnetisch erzeugte Schwingungen (etwa 3000 je Minute) angetrieben werden, bieten ein ganz eigenartiges Bild, wenn in ihnen ohne sichtbaren Mechanismus Kies eine offene schräge Rinne hinaufrutscht oder durch waagerechte Rohre hindurchgleitet. K. R.