Churchill schreibt weiter. Kurz nach Erscheinen des zweiten Bandes seiner Memoiren in Deutschland (Der Zweite Weltkrieg, 2. Band, Englands größte Stunde. J. P. Thoth Verlag, Hamburg) wurde in London der dritte Band der Erinnerungen des englischen Kriegspremiers herausgebracht (The Second World Wer, Volume III, The Grand Alliance, Cassel & Co., Ltd.) Beide zusammen umfassen den Zeitraum von der Bildung eines nationalen Kabinetts in England (Mai 1940) bis zum aktiven Eingreifen Amerikas in den Krieg (Januar 1942).

Von den fünf Männern, die während des Krieges als Staats- oder Regierungschefs das Schicksal der Welt in ihren Händen hielten, haben nur zwei die Kapitulation Deutschlands überlebt. Der eine von ihnen – Stalin – wird ebenfalls sterben, ohne gesprochen zu haben. Winston S. Churchill ist der letzte Zeuge auf höchster Ebene. Sein Zeugnis ist Geschichte. Er unterzieht sich dieser Aufgabe mit ciceronischer Sprachgewalt.

„So übernahm ich in der Nacht des 10. Mai, in den Anfängen der gewaltigen Schlacht, die oberste Macht im Staate, die ich fortan in ständig wachsendem Ausmaß während fünf Jahren und drei Monaten des Weltkrieges ausüber sollte, nach deren Ablauf ich, als alle unsere Feinde entweder bedingungslos kapituliert hatten oder schon im Begriff waren, es zu tun, von der britischen Wählerschaft unverzüglich von jeder weiteren Führung ihrer Geschäfte entlassen wurde.“ So schloß der erste Band. Und so beginnt der zweite: „In meiner langen politischen Laufbahn hatte ich die meisten wichtigen Staatsämter bekleidet, aber ich gestehe gern, daß die Stellung, die mir jetzt zugefallen war, mir am besten, zusagte. Macht, die nur dazu benutzt wird, über seine Mitmenschen zu herrschen oder damit zu prahlen, wird mit Recht sehr niedrig eingeschätzt. Doch über die Macht in einer nationalen Krise zu verfügen, ist ein Segen für einen Mann, der zu wissen glaubt, welche Befehle erteilt werden müssen.“ Churchill ist nicht mehr, wie in seinem ersten Band, nur Beobachter der Weltgeschichte. Er ist Akteur. Der Leser wird fortan den Krieg an der Seite des Premiers seiner Majestät erleben. Schon im ersten Kapitel vergißt der Autor nicht, darauf hinzuweisen, „daß bis zum Juli 1944 Großbritannien und sein Weltreich eine erheblich größere Zahl von Divisionen in Kontakt mit dem Feind hatten als die Vereinigten Staaten.“

Zwei menschliche Zeugnisse aus seinen Memoiren haben einen unmittelbaren Bezug auf die aktuelle Politik, über seine erste Begegnung mit de Gaulle schreibt er: „Unter seinem undurchdringlichen, unerschütterlichen Äußeren besaß er, so schien mir, eine große Leidensfähigkeit. Im Verkehr mit dem hochgewachsenen phlegmatischen Mann festigte sich in mir der Eindruck: Dies ist der Connétable von Frankreich.“ Über König Leopold III. von Belgien zitiert Churchill seine Unterhausrede vom 4. Juni 1940: „Erst im letzten Augenblick, als der Feind schon auf belgischem Boden stand, bat König Leopold um unsere Hilfe, und selbst in diesem letzten Augenblick eilten wir ihm zur Hilfe. Er und seine tapfere, kampffähige Armee deckten unsere linke Flanke und hielten dadurch unsere einzige Rückzugslinie zur See offen. Plötzlich, ohne vorhergehende Beratung, ohne uns beizeiten zu warnen, ohne seine Minister beizuziehen, sandte er von sich aus einen Bevollmächtigten zum deutschen Oberkommando, übergab seine Armee und entblößte damit unsere ganze Flanke und Rückzugslinie.“

Zweimal rechtfertigt Churchill sich. Einmal verteidigt er seine Ansicht beim Zusammenbruch Frankreichs: „Eines Tages, im Januar 1944, als ich in Marakesch zur Erholung weilte, kam General Georges zum Mittagessen. Während einer beiläufigen Unterhaltung äußerte ich den Gedanken, es sei vielleicht nicht zum besten gewesen, daß die französische Regierung im Juni 1940 nicht nach Afrika gegangen sei. Im Pétain-Prozeß im August 1945 hielt der General es für richtig, als Zeuge meine Worte zu wiederholen. Ich beklage mich nicht darüber, aber diese Äußerung stellt weder während des Krieges noch jetzt meine wohlüberlegte Ansicht dar.“ Seine zweite Verteidigung, die einen ungleich größeren Raum einnimmt, gilt der von ihm befürworteten Landung alliierter Streitkräfte in Griechenland als einer zweiten Front. Ungleich schärfer als in allen anderen Abschnitten ist seine Sprache in diesem Kapitel des dritten Bandes. Hier verteidigt er nicht nur eine militärische Konzeption, sondern auch die richtige politische Entscheidung.

Und zweimal endlich verweist er die Behauptungen anderer Memoiren in das Reich der Fabel. Die viel umstrittene Episode von Dünkirchen, nämlich die Zurückhaltung der deutschen Panzer, sei nicht auf einen verdrängten England-Komplex Hitlers zurückzuführen, sondern gehe auf Rundstedts Initiative zurück. „Rundstedt fand zweifellos Gründe für seinen Standpunkt, sowohl in der Verfassung der Panzer wie in einem Gesamtverlauf der Schlacht... Die deutschen Befehlshaber sind sich allgemein darüber einig, daß damals eine große Gelegenheit verscherzt worden ist.“ – Das andere Gerücht widerlegt er so: Die Atlantik-Charta von 1941 war keine Notlösung einer erfolglosen Konferenz, sondern die Verwirklichung eines von Roosevelt seit langem gehegten Planes. Churchill, und Roosevelt überarbeiteten gemeinsam die Resolution und Churchill fügt seinen Memoiren – die Stärke des Zweifels an der Atlantik-Charta richtig einschätzend – ein Faksimile der ersten Fassung der Resolution mit seinen Korrekturen bei.

Man hat in England den zweiten Band „Die Abrechnung mit Hitler“, den dritten „Die Abrechnung mit Stalin“ genannt. Das mag bedingt stimmen. Aber man kann nicht unerwähnt lassen, daß die Reihenfolge Hitler-Stalin nicht nur in Churchills Memoiren existiert. Sie galt auch in seiner Politik. Der deutsche Diktator schien ihm der gefährlichere von beiden. Und zweifellos glaubt Churchill noch heute, daß er damit recht hatte. Sonst hätte er wohl nicht seine Unterhaltung mit dem amerikanischen Botschafter Winant wiedergegeben: Als dieser Churchill fragte, ob ihm als Erbfeind des Bolschewismus, die Unterstützung Sowjetrußlands nicht unangenehm sei, antwortete der Premier: „Durchaus nicht. Ich habe nur ein Ziel, die Vernichtung Hitlers. Und das vereinfacht mein Leben erheblich. Wenn Hitler morgen eine Invasion der Hölle durchführen würde, dann würde ich im Unterhaus den Teufel zumindest freundschaftlich erwähnen.“

Ursprünglich sollten Churchills Memoiren vier Bände umfassen. Es werden wahrscheinlich sechs, vielleicht sieben werden. Der Autor ist also zur Eile genötigt. Es wäre schade, wenn ihm Ereignisse eines dritten Weltkrieges die Feder aus der Hand nehmen würden, bevor er mit den Schilderungen des zweiten Weltkrieges zu Ende gekommen ist... C. J.