Die antiken Vorstellungen von der Leib-Seele-Einheit waren lange in den Hintergrund getreten. Bei Goethe und Carus findet sich die Wiederentdeckung dieser Grundvorstellungen, die uns alles leib-seelische Geschehen erst verstehen lassen. Aber erst die moderne medizinische Psychologie, etwa seitdem Prinzhorn am Anfang des Jahrhunderts den Begriff der Leib-Seele-Ein-

heit mit neuem Inhalt und Sinn erfüllte, drang weiter vor, und nun erfolgte Schritt für Schritt, ein Stein nach dem andern wurde gelegt. Ein bekannter Psychiater unserer Tage, Thiele, sprach es unmißverständlich aus: Die These, daß in der Organisation des Gehirns die Struktur des Seelenlebens bis in ihre feinsten Einzelzüge sich irgendwie verkörpere, und daß ein durchgängiger gesetzlicher Zusammenhang zwischen den Gliedern der psychischen und der physischen Erscheinungsreihe bestehe, wird nicht aufhören, als ein Leitgedanke unseres Naturbegreifens wirksam zu sein.

Alles, was in den Äußerungen des Menschen und vor allem in seiner feinsten, differenziertesten, der Handschrift, zum Ausdruck kommt, ist also von irgendeinem Teil des Gehirns her gesteuert, und viele Gehirnteile haben gleichsam das Ziel und die Absicht, in solchen Äußerungen in Erscheinung zu treten. Dabei steht nun schon seit Carus fest, daß es entwicklungsgeschichtlich drei Stufen der Seelenentwicklung des Menschen gibt: die bewußt bildende, die weltbewußte und die selbstbewußte. Diese drei Entwicklungsstufen des Seelenlebens haben Entsprechungen im Gehirn. Den Forschungen der neueren Hirnanatomie und der modernen Graphologie gelingt es, immer tiefer in diese Zusammenhänge einzudringen. Pophal spricht von einer "Pallidumschrift", also einer Schrift, in der das Überwiegen der mehr unbewußten leiblich-seelischen Bereiche zum Ausdruck kommt. Er analysiert hier die Schriften bedeutender Männer wie des Klinikers Friedrich Kraus, der die Lehre von der "Tiefenperson", also der unbewußt-elementaren Persönlichkeit in uns, und der "Rindenperson", der bewußten, durch Wille und Intellekt gesteuerten Persönlichkeit in uns, medizinisch außerordentlich reich ausgestaltet hat, ferner die Napoleons, Wallensteins, Richard Wagners, Tschaikowskijs und vieler anderer. In allen diesen Schritten findet er elementare Züge, ungezügelte und ungehemmte Ausbrüche der "Tiefenperson", natürlich immer wieder auch gesteuert durch Kräfte der "Rindenperson". Die Schrift zeigt also bei solch genauer Analyse das Verhältnis an, in dem die elementaren, vom Pallidum her gesteuerten Züge der Persönlichkeit zu den bewußten stehen, die den Menschen als erkennendes Wesen charakterisieren. Zahllose, in die Hunderte gehende Begriffe wichtiger Eigenschaften wie Hemmung und Enthemmung, Überschwenglichkeit, Initiativgeist, Ablenkbarkeit, Tätigkeitslust, Flüchtigkeit – wie man sieht, also stets positiv und negativ betonte – bilden das Werkzeug, mit dem man an die Deutung der Schrift des einzelnen Menschen herangeht. Dadurch aber entsteht ein umfassendes Bild seines leib-seelischen Wesens.

Von der Schrift, die vor allem durch das "Pallidum", also die unbewußt-elementaren Vorgänge in der Seele und im Gehirn, gesteuert wird, unterscheidet sich die "Striatumschrift". Sie wird vom "Striatum" gesteuert, jenem Teil des Urhirns, in dem ein erster Hemmechanismus lokalisiert ist. Auch hier ist, im Gegensatz zu den höheren Schichten des bewußt erkennenden Wesens Mensch, noch eine gewisse Verwandtschaft mit dem Tier, mit dem Animalischen vorhanden. Die Striatumschriften, von denen Pophal gleichfalls. eine große Anzahl analysiert, sind wenig ergiebig, uninteressant, ja langweilig. Das beruht darauf, daß die elementare Gefühlswelt nicht mehr in ihrer unmittelbaren Fülle wirkt, sondern daß bei solchen Menschen die Hemmungen überwiegen. Diese sind aber nicht geistig und von höheren Willenstendenzen her verarbeitet.

Die dritte Gruppe der Handschriften, die von der Hirnrinde gesteuerte Schrift, gibt uns Einblick in das Seelenleben geistig betonter Menschen. Diese sind durchaus nicht immer Genies. Hier läßt sich aus der Handschrift der wissenschaftlich-theoretische Typus erkennen, ebenso aber der ästhetische Typ, wie ihn Pophal als "Selbstentfaltungsmensch" bezeichnet. Bei den Selbstdarstellungs- oder Geltungsmenschen stehen Eitelkeit, Selbstbespiegelung, Förmlichkeit, Affektiertheit im Vordergrunde. Ihnen steht gegenüber die Schrift des Selbstzuchtmenschen, des ethischen Menschen, ja, Pophal glaubt, sogar Merkmale des religiösen oder des politischen Menschen in der Handschrift zu finden.

Allerdings betont Pophal immer wieder, daß die Schriftanalyse nur einen Weg bildet zur Erkenntnis des Wesens eines Menschen. Andere Ausdrucksmerkmale müssen hinzugenommen werden, der Gang, der Gesichtsausdruck, das Gesamtverhalten, also Merkmale dynamischer wie statischer Art. Auch das, was über die Entwicklung und Umwelt des betreffenden Menschen bekannt ist, muß für das Gesamtbild herangezogen werden, aber die Graphologie traut sich doch zu, allein aus dem Schriftbild tief in Charakter und Wesen eines Menschen einzudringen. Je sorgfältiger die Methoden dafür ausgearbeitet werden, bis hin zu der neuen mikroskopischen Analyse des Strichs, desto größer werden die Möglichkeiten für die Graphologie als einen selbständigen Zweig der Psychologie. Freilich wächst mit der gesteigerten Inanspruchnahme von Graphologen zur Erkenntnis des Charakters im industriellen, wirtschaftlichen und persönlichen Leben auch die Verantwortung dieser wissenschaftlichen Graphologie von Jahr zu Jahr. Die Graphologie ist heute nicht mehr "Zauberei", sondern eine schwere, aus Intuition und mühsamer Arbeit gemischte Kunst und Wissenschaft.