Von Roland Nitsche

Ich hatte ursprünglich gegen Schwäne nichts: Nichts als das leise Mißtrauen, das mir die Natur nun einmal gegen Wesen in den Busen gepflanzt hat, die in ihrer oberen Hälfte Ästhetik demonstrieren und in ihrer unteren Hälfte nicht anzuschauen, also oben so hui und unten derart pfui sind. Ich habe stets dazu geneigt, diese strukturelle Inkonsequenz der Natur einem geistigen Defekt der Schwäne zuzuschreiben, denn es ist der Geist, der sich den Körper baut, und ein Geist, der seinen Körper aus einem Stromlinienhals und Entenfüßen zusammensetzt, hat mich, wie gesagt, immer mißtrauisch gemacht.

Dies aber hat zunächst zu keinen Weiterungen geführt. Bis ich nach Zürich kam und die Schwäne mit der Unausweichlichkeit in mein Leben traten, wie es nur Zürcher Schwäne können. Denn den Menschen, der Zürichs Schwänen ausweichen kann, muß man mir erst zeigen. Man badet im Zürichsee, und man sieht Schwäne; man besucht zur Tantiemenzeit seinen Verleger am Limmatquai, um ihn zu erfreuen, und man begegnet Schwänen; man wartet auf dem Bürkliplatz auf das Dampfschiff, und zwanglos mischen sich zwischen die Wartenden Schwäne; man spaziert am Zürichhorn, und ist mitten unter Schwänen. Denn zu ihren demokratischen Grundfreiheiten, auf denen sie als Schweizer Schwäne bestehen, gehört es, daß sie sich an kein Element gebunden fühlen und amphibisch leben: im Wasser und auf der Erde, und das ist es, was mich verdrießt. Denn man muß gesehen haben, wie selbstbewußt sie sich unter die Spaziergänger mischen, wie böse keifend sie einem Hündchen nachjagen, das ihnen ein Stück Brot fortgeschnappt hat und vor dem Phänomen dieser kreischenden Riesen-Land-Ente fast den Verstand verliert. Man mag mich engherzig nennen, aber ich mißbillige es, wenn Schwäne unter Bäumen wandeln, noch dazu mit Füßen, die klatsch, klatsch machen, und mit einem stromlinierten Oberteil, dessen Sinnlosigkeit nie so überzeugend wirkt wie dann, wenn man auf der Promenade im Volksgedränge darüber hinwegsteigen will.

Da lob’ ich mir die Wasservögel, die der Volksmund Taucherli nennt. Es sind Tauchenten, die zu Tausenden den Zürcher See bevölkern; der Brockhaus weiß, daß sie aus der Familie der Gänsevögel stammen und rede „Fuligulidae“ heißen. Und dennoch prätendieren sie nichts, sind schlichter Mittelstand der Zürcherseefauna, verdienen sich den Unterhalt reputierlich und mengen sich nicht zwischen Hunde, Kinder und Feuilletonisten, die sonntags am Ufer spazieren. Ich liebe die Taucherli, ob sie nun kohlschwarz sind, mit einem weißen Strich auf den Köpfchen, etwas grüngesprenkelt oder mit einem roten Fleck.

Damit will ich kein Wort gegen den Zürcherseeplebs, die Möwen, gesagt haben (etwas melodiöser dürfte ihre Stimme freilich sein). Mich rührt es, wie mühevoll sie sich ihr Brot verdienen, welches Getöse sie über einen Brocken erheben, den man ihnen zuwirft, und wie dankbar sie sich mit Sturzflügen und Helikopter-Darbietungen revanchieren, wenn sie merken, daß es den Menschen Freude macht. Leicht, nein, leicht halben sie es nicht. Und da ihnen jede Aussicht fehlt, sich durch Sparsamkeit und Tüchtigkeit in den Mittelstand der Taucherli emporzuheben, dauern sie mich, wenn sie zu Dutzenden und in den wildesten Kapriolen einem Brocken Brot durch die Luft nachstürzen, bis ihn die eine durch Salto mortale erreicht.

Nie werden die Taucherli sich so weit vergessen. Wenn man ihnen Brot zuwirft, rudern sie mit einer seltsamen Mischung von Hast und Würde ihrer Chance nach. Würde, denn der Mittelstand hat Schicklichkeit zu wahren; Hast, denn ein anderes Taucherli könnte doch die Schicklichkeit vergessen. Und erst die Schwäne! Hat man einen Schwan hasten gesehen oder gar um einen Brocken bitten? Erspäht er dich am Ufer, rudert er heran wie einer, der’s nicht nötig hat, beäugt dich scharf von unten, ob er sich nichts vergäbe, und macht dann eine Miene wie Mia Million, der Star, wenn sie eine Perlenkette anzunehmen geruht.

Ich füttere Filmstars grundsätzlich nicht. Wenn ich von der Seebrücke Bröckchen werfe und sehe, welche Panik Möwen und Taucherli ergreift, wenn Er, der Schwan, persönlich herbeigerudert kommt, wie er den Plebs und Mittelstand beiseite schiebt und (hoppla, da bin ich!) breitbrüstig wie Hans Albers sich Bahn schafft, ohne Rücksicht auf die wahre Bedürftigkeit, das Bettelgeschrei der Möwen und die würdige Hast der Taucherli – dann scheint er mir von der Natur dazu bestimmt, den anspruchsvollen Reichtum zu demonstrieren. Dann wirft sich meine ganze Liebe auf die marinen lower middle classes, und mir scheint jeder Brocken, den man den Schwänen wirft, vor die Schwäne geworfen.