Von Arthur Koestler

„Kunst hat nichts mit Politik zu tun.“ Diesen Satz aus dem Vorrat an Gemeinplätzen des vorigen Jahrhunderts kann man auch heute noch oft hören, obwohl die Politik der totalitären Systeme längst bewiesen, wie viel sie sich mit der Kunst zu schaffen macht. Aber mit der einfachen Umkehrung des alten Gemeinplatzes wäre für die freiheitlichen Künstler nichts gewonnen. Das Problem, das ihnen gestellt ist, beleuchtet Arthur Koestler in seinem Buch „Der Yogi und der Kommissar“, dessen längst fällige deutsche Ausgabe der Bechtle-Verlag, Eßlingen, vorbereitet und dem wir den Abschnitt über das Dilemma des Romanciers entnehmen.

Einer der großen Russen – ich glaube, es war Turgenjew – konnte nur schreiben, wenn er die Füße in einemEimer mit heißem Wasser unter seinem Schreibtisch am offenen Fenster seines Zimmers hatte. Ich glaube, diese Stellung ist typisch für den Romanschriftsteller. Der Eimer mit heißem Wasser soll die Inspiration, das Unterbewußte, die schöpferische Quelle bedeuten oder wie man dies nennen will. Das offene Fenster bedeutet die Welt draußen, den Rohstoff für das Werk des Künstlers.

Wir wollen einmal den Eimer mit heißem Wasser außer acht lassen und annehmen, daß unser Schriftsteller ein echter Künstler von schöpferischer Kraft ist und wollen lieber das offene Fenster und seinen Einfluß auf den Mann hinter dem Schreibtisch ins Auge fassen.

Die erste und stärkste Versuchung, die von der Welt vor dem Fenster auf den Schriftsteller ausgeht, ist, die Vorhänge zuzuziehen und die Läden zu schließen. Nun hat diese anscheinend so einfache Reaktion verschiedene interessante Seiten. Vielleicht ist die gefährlichste dann die, daß die Geste so natürlich erscheint. Der Schriftsteller braucht Konzentration, seine Nerven geraten leicht in Verwirrung. Er muß sich immer wieder ungeheuer anstrengen, um das offene Fenster ertragen zu können und jene durchdringenden Geräusche und Schreie in das Zimmer hereinzulassen, das Gelächter, das Stöhnen und jene kurzlebigen Schlachtrufe.

Eine andere Seite der Versuchung, das Fenster zu schließen, ist die, daß sie der herkömmlichen Form von Versuchung gar nicht ähnlich ist, sondern eher dem Gegenteil. Der Versucher wendet sich nicht an die niedrigen menschlichen Gelüste, sondern an die erhabensten Regionen des Geistes. Seine Lockmittel sind Frieden, Schönheit, vielleicht sogar Vereinigung mit Gott. Der Versucher will nicht deine Seele, er will sie dir zum Geschenk machen. Er flüstert dir zu: „Schließe das Fenster. Die Welt ist ein hoffnungsloser Fall. Handeln ist von übel. Verantwortlichkeit ist von Übel. Zieh die Vorhänge zu, vergiß jene wilden Schlachtrufe, fülle deine Ohren mit Stille und bade deine schmerzenden Augen im matten Licht der Ewigkeit.“

Hinter den geschlossenen Fensterläden entstehen seltsame und manchmal schöne Gebilde, Gewächshauspflanzen, im Gewächshaus ausgebrütete Episoden und Charaktere. Denn die Dekoration des Raumes mit den zugezogenen Vorhängen ist, seltsam genug, der Mode der Zeit unterworfen, obwohl man annimmt, daß Mode und Zeit ausgeschaltet sind. Der Elfenbeinturm war die Schöpfung eines Ästheten; wieder andere Treibhäuser sind nach ethischen Grundsätzen geformt. Ihre Einwohner spielen nicht auf der Laute, während Rom brennt, sie beten. Das Zimmer mit den zugezogenen Vorhängen mag in das Schiff einer Kathedrale verwandelt werden, wo der bärtige russische Romanschriftsteller Bußgesänge wegen seiner revolutionären Vergangenheit singt; oder in eine Art nach innen gerichtetem Tiefseeaquarium, welches von Ungeheuern im phosphoreszierenden Lichte bevölkert wird. Die letzte Verwandlung scheint eine für Yogi-Übungen geeignete, orientalische Einsiedlerklause zu sein. Soviel über die Versuchung Numero 1.