Von Martha Maria Gehrke

München, Ende Juli

Ob er zur Ausstellung fahre, fragten die zwei kräftigen jungen Herren den Schaffner der Linie 10, als sie endlich kam. Ja, er fuhr hin. Die beiden Jünglinge drängten sich energisch an drei gleichfalls wartenden Frauen vorbei in den halbleeren Wagen. Die Ausstellung heißt „Im Zeichen der Frau“. Es ist die erste Bundesausstellung des Deutschen Frauenrings und von den aktiveren norddeutschen Verbänden bewußt in das hübsche Münchner Ausstellungsgelände gelegt, „um die Verbundenheit mit Bayern zu betonen“. Hinter dem Gezeigten verbirgt sich eine große Arbeit, die, auch physisch, fast nur von Frauen geleistet worden ist. Das Ergebnis der monatelangen mühevollen Vorbereitungen entspricht bei näherem Hinsehen genau der zwiespältigen Situation der deutschen Frau von 1950.

Die Einweihungsfeier war dafür ein Gleichnis. Erfreulich das zu neun Zehnteln aus Frauen bestehende Kammerorchester, das Händel und Mozart vortrug, sauber, melodisch, mit einem männlichen Kapellmeister, und die Komponistin Philippine Schick, die eigene Kompositionen am Flügel spielte. Unmöglich die Anzahl Mädchen, die zwecks Deklamation eines Chorliedes in Gewändern aus der Frühzeit der rhythmischen Gymnastik das Podium bestiegen. Die Rede der sympathischen Regierungspräsidentin Theanolte Baenisch, die einerseits die christliche Ehe und Familie als unveränderliche Basis des weiblichen Lebens betonte, anderseits jedoch die Verhältniszahl von zehn Männern zu siebzehn Frauen bei den 20- bis 30jährigen und von 10:14 bei den 30- bis 40jährigen in Westdeutschland erwähnte, ohne auch nur die Möglichkeit einer entsprechenden Lösung zu streifen – auch diese warmherzige kleine Rede warf ein grelles Streiflicht auf die Schwierigkeiten der deutschen Frau von heute. Die Formel „Nicht gegen die Männer, sondern mit ihnen!“ ist nicht viel mehr als eben eine Formel, die eine freundliche Atmosphäre zu schaffen sich bemüht.

Die rauhe Wirklichkeit wird übersichtlich und ungeschminkt in Halle eins demonstriert. Die Entwicklung der soziologischen Position der Frau, und damit auch der Frauenbewegung, ist aufgezeigt, die Berufsleistung der Frauen von früher wie der von heute – und es wird zwanglos eine Menge illustrierter Statistik geboten. Der seltene Fall ist eingetreten, daß der theoretische Teil einer Ausstellung besser und weitaus interessanter gelang als der praktische, was jeden, der die Augen öffnet, nachdenklich stimmen müßte. Die Zitate, die sich zwischen Zahlen und Bildern an den Wänden finden, sind recht aufschlußreich. Daß Basedow Anno 1786 erklärte, „die ganze Erziehung der Töchter müsse ihre Absicht auf das männliche Geschlecht haben“, ist weniger aufregend, als das Programm der Konservativen Partei, in dem ausgesprochen wird, daß das Weib nur lernen könne von dem Mann, den es liebe, mit dem Nachsatz: „Doch auch Schwestern, Töchter, Pflegerinnen werden durch Brüder, Väter, Kranke und Greise zu etwas gemacht werden, wenn sie diese Männer mit warmen Herzen bedienen.“ Der Autor dieser bemerkenswerten Maxime war Paul de Lagarde, und sein Sprüchlein entstammt dem Jahr 1884, während die „Erklärung der Frauenrechte“ immerhin schon 1793, im Rahmen der Französischen Revolution, erfolgt ist. Gut ist es, in der nächsten Koje zu erfahren, daß die Wählerschaft Deutschlands zu 66 v. H. aus Frauen besteht, der Bundestag aber nur 5,4 v. H. weibliche Abgeordnete hat, und daß sich in den höheren staatlichen Dienststellen nur 6 v. H. Frauen befinden. Diesen und anderen Zahlen, bei denen natürlich auch die immer wieder auf- und angegriffene Diskrepanz männlicher und weiblicher Löhne für gleiche Arbeit nicht fehlt, folgt eine Übersicht weiblicher Berufsleistung – Kunst, Kunstgewerbe, Wissenschaft, Theater, Funk, Presse...

Über die Halle des praktischen Lebens ist nicht soviel Positives zu sagen. Mit unserem Wohnungsbau sind wir schon 1939 weit hinter Skandinavien, Holland, Schweiz, USA dreingehinkt, und es hat leider den Anschein, als würde auch die einmalige Chance, unser Wiederaufbau, vertan. Die Klein- und Kleinstküchen, die so dringend nötigen Junggesellenwohnungen, die raumsparenden Duschnischen sind im Prinzip längst bekannt. Aber wo werden sie wirklich in nennenswerter Zahl gebaut? Die Ausstellungsleitung will sich bemühen, herauszubekommen, ob wirklich der Konservativismus der an Wohnküche und Nur-Schlafzimmer hängenden Frauen so groß ist, wie die Bauunternehmer behaupten, oder der moderne Kleinwohnungsbau so unbezahlbar (und angeblich unrentabel), wie die Konsumenten einwenden. Wenn man die Preise eines Großteils der gezeigten Möbel als Maßstab nimmt, so sind die Klagen über Überteuerung (bestimmt berechtigt. 600 DM für eine Doppelbettcouch sind unmöglich; daß es auch billiger geht, beweisen die Flüchtlingsbetriebe. Übrigens, die üblichen Koch-, Back- und Waschvorführungen fehlen so wenig wie Gymnastikkurs, Modeschau, Musik und Theater-Kurzprogramm.

Aus diesem Lehr- und Unterhaltungsprogramm hat man die Politik verbannt. Ein Angebot der Frauengruppe der Europa-Union, während der Ausstellung die Besucherinnen über den Gedanken der europäischen Staatenföderation aufzuklären, wurde abgelehnt. Vielleicht fürchtete man die leeren Bänke. Das ist schade. Denn wer den optischen Eindruck der Statistiken in sich aufnahm, würde vielleicht auf akustische Wertung gern reagieren. Wenn die Frauen nicht selbst Ernst machen mit ihrer politisch-staatsbürgerlichen Schulung, werden sie vergeblich auf das Interesse der weiblichen Jugend warten. Wie oft hört man in den Zeitungs- und Zeitschriftenpavillons der Ausstellung den Satz: „Politik interessiert mich nicht!“ Ein wie kleiner Teil der Frauen ist sich – um ein aktuelles Beispiel zu nennen – der beschämenden Tatsache auch nur bewußt geworden, daß unter den 150 eingeladenen Teilnehmern des kürzlich beendeten Berliner Kongresses für kulturelle Freiheit ganze sechs Frauen waren. Es scheint fast so, daß sich die Frau, eingeschlafen auf den früheren Siegeslobeeren der Frauenemanzipation oder aber noch gar nicht aufgewacht, wieder in der Defensive befindet.

In dem wunderbaren Stoa-Spruch, der über einer der Innentüren der Ausstellung zu lesen ist, steht der Satz: „Unser Amt ist der Friede.“ Über die Fortsetzung: „Die Tat ist des Mannes / doch ‚wiegt sie gering / vor dem großen Erbarmen“ läßt sich in einem Augenblick streiten, da die weibliche wie die männliche Menschheit mit so grauenvoller Resignation das Thema des dritten Weltkrieges erörtert.