Von Jan Molitor

Ob der Südweststaat erwünscht oder unerwünscht sei, das ist noch immer die Frage. Es ist zwar beschlossen, sie Ende September den Badenern und den Schwaben und den Leuten im hohenzollernschen Ländchen vorzulegen – Volksbefragung! –, doch schon heute sind nicht nur die Bewohner Südwestdeutschlands begierig zu erfahren, ob das böse politische Spiel um diesen Zukunftsstaat dann sein Ende haben wird oder nicht. Das Spiel ist in eine Art von politischem Skat mit contra und re ausgeartet. Und eine Volksbefragung ist kein Volksentscheid, ist nicht konstitutiv, sondern informativ ... Versuchen wir doch, den drei Partnern in ihren Hauptstädten Stuttgart, Freiburg und Tübingen kurz in die Karten zu sehen!

Der Spieler in Tübingen hat keinen Trumpf in der Hand, nicht einen einzigen. Er spielt daher Null ouvert und legt die Karten offen auf den Tisch. Er heißt Dr. Gebhard Müller und hat doch immerhin einen großen Vorzug vor den anderen –: den Vorzug, daß er ganz ehrlich spielt. Er ist übrigens der einzige deutsche Staatspräsident, der weder eine Villa noch eine Bel-Etage in seiner Hauptstadt bewohnt. Gleich den Studenten Tübingens, der alten, schönen, unzerstörten Stadt, führt er dort das Leben des möblierten Herrn. Wohnhaft aber ist er nicht in seiner Hauptstadt, ja nicht einmal innerhalb der Grenzen seines Landes. Wohnhaft ist er im "Ausland", im schwäbischen Städtchen Ludwigsburg, wo er aus der Zeit, da er noch Staatsanwalt war, eine Dienstwohnung innehat, im Zuchthaus.

Dieser Dr. Müller also weiß sehr wohl, daß sein Ländchen – mag auch der so prominente Bonner SPD-Politiker Carlo Schmid daraus hervorgegangen sein – sehr wenig Aussicht auf Bewahrung seiner Selbständigkeit hat. Korrekter Beamter, der er ist, gilt ihm politische Logik mehr als sein Staatspräsidentenstuhl. Ach, könnte man dies auch von den beiden anderen Skatpartnern sagen, denen Dr. Müller bei ihrer letzten offiziellen Zusammenkunft in Freudenstadt am 15. April abgewann, daß sie nolens volens jenem Plan der Volksbefragung zustimmten.

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Auf einem Hügel inmitten eines reizenden Parkes, in einem Schlößchen, das einst ein Gewerbelehrer und Architekt einer Gräfin erbaute, residiert Dr. Wohleb zu Freiburg, der ehemalige Oberstudiendirektor und heutige Staatspräsident von Südbaden. Er ist klein an Gestalt, doch groß an Geist. Obwohl ein Gelehrter, hat er viel Sinn für jegliche Praxis. Und was seinen politischen Skat angeht, er spielt ihn so meisterlich und fein, daß die Gegenzüge seines Kontrahenten Dr. Reinhold Maier in Stuttgart vergleichsweise plump dagegen wirken. Er spricht von alter badischer Eigenständigkeit, und rufen ihm die Schwaben zu, sein Staat sei eh’ schon ein künstlich Gebild’ von des ersten Napoleons Gnaden und keineswegs "alt" zu nennen, so ruft er zurückt: "Und der württembergische Staat etwa nicht?"

Doch das ist nur eine simple Probe von Wohlebs unduldsamer Schlagfertigkeit, die nicht darüber hinwegzutäuschen vermag, daß er, wenn dies ihm praktisch erscheint, ein Mann – zwar nicht der Duldsamkeit, doch der Geduld, des Wartens ist. – Da saßen einmal an dem in Südwestdeutschland historisch gewordenen Termin des 1. August 1948, also vor genau zwei Jahren, die drei südwestdeutschen Staatspräsidenten auf dem Hohen Neuffen beieinander und beschlossen, daß eine Kommission den Südweststaat vorbereiten solle. Damals war die Stimmung in der Bevölkerung der drei Staaten nicht ungünstig dem Zusammenschlußplan; man kann sagen: durchaus günstig. Wohleb aber wollte nicht. Das brutale "Njet" vermeidend, spielte er kleinere Karten aus. Verzögerungstaktik... Man kam am 28. September des gleichen Jahres in Bebenhausen noch einmal zusammen. Und da zeigte sich plötzlich, daß Wohleb einen Trumpf in der Hand hatte, von dem man bisher nicht angenommen, daß er ausgespielt würde: es war eine Alternative. Stand bisher allein die Frage zur Debatte, wie man den Südweststaat gegebenenfalls konstruieren wolle (denn glückte dies nicht, so sollte es wohl – so nahm man an – beim heutigen Zustand der südwestdeutschen Kleinstaaterei bleiben), stand also bisher nur die Konstruktion des neuen Staates zur Debatte, so ging es nach Wohlebs geschicktem Spiel fortan darum, ob man einen gemeinsamen Südweststaat wolle oder aber die Wiederherstellung der alten Länder Württemberg und Baden. Das Letztere wollte Wohleb, und so als Alternative wird die Frage an das Volk im kommenden September tatsächlich gestellt werden: "Wollen Sie den Zusammenschluß der drei Länder Württemberg-Baden, Baden und Württemberg-Hohenzollern zum Südweststaat?" Oder: "Wollen Sie die Wiederherstellung der alten Länder Württemberg, einschließlich Hohenzollern und Baden?" – Daß durch zwei Jahre die Verhandlungen um den Südweststaat nicht vorwärts kamen, war Wohlebs Taktik. Und daß vor zwei Jahren der Begriff einer möglichen Wiederherstellung der alten Länder auftauchte, das war Wohlebs Geschoß ...