Von Herbert Fritsche

Alle neueren Veröffentlichungen über den Sinn des Schmerzes – von Hoche und Sauerbruch bis zu Ernst Jünger und Martin Beheim-Schwarzbach – können nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir in einer Ära der Narkose leben. Das gilt auf allen Ebenen und sowohl in wortwörtlicher als auch in symbolischer Bedeutung. Die kunstgerechte Narkose, noch keine hundert Jahre alt, ist ihren zwielichtigen Weg durch das vorletzte und letzte Kapitel der Medizingeschichte unter Hinterlassung recht unheilvoller Spuren gewandelt: nahezu sämtliche ihrer Pioniere waren tragische, vom Abgrund bedrohte und schließlich auch oft genug verschlungene Gestalten. Sertürner, der uns das Morphium bescherte, fügte seiner Tat die erste Krankengeschichte eines Morphinisten hinzu: seine eigene. Am Ende dieser Entwicklung steht einstweilen die Narko-Analyse, die Provokation einer Beichte mittels Ivipan-Injektion in die Vene – eine Methode, von der die meisten Psychiater mit Recht nichts halten, weil sie erstens abseits der menschenwürdigen Freiheit geschieht, zweitens nicht ins Unbewußte vordringt, sondern lediglich bewußtseinsfähige Persönlichkeitsgeheimnisse recht illegal bloßlegt, und drittens zum totalitär-staatspolizeilichen Mißbrauch verlockt.

Daß alles muß man mitsehen, wenn man das Problem der Geburten in Narkose werten will. Es ist kein nur biotechnisches Problem, kein Kunstgriff, um den ersten Schritt einer Individualität ins Irdische undramatisch zu gestalten. Die Ärzte, die die Narkose in der Geburtshilfe Hindlings befürworten, haben bezeichnenderweise gerade dort eine Abwehrfront gegen sich, wo sie helfen wollen: bei den Müttern. Mutterschaft wurzelt im Irrationalen, während Narlosetechnik ein Kind des emanzipierten Intellekts der Männer ist. Diese Männer (die auch innerhalb des Arzttums in der Minorität sind) beweisen mit vielerlei Statistik und Pharmakologie, daß es so gut wie nichts bedeute, wenn die Mutter Schmerz und Freude der Geburt nicht miterlebt und der neue Erdenbürger schon im Irscheinen seine chemische Nottaufe empfängt. Sie fassen sich mit einer bei ihnen sonst seltenen Leidenschaft an den kühlen Kopf, sobald unaufgeklärte Frauen das strikt ablehnen." Aber es gibt ein gesundes Mißtrauen im weiblichen Herzen, das stärker ist als alle human gesonnene ärztliche Kunst.

Nicht, was eine zugespitzte Extremsituation dem Gewissen des Arztes abzwingt, kann genereller Erörterung preisgegeben werden, sondern nur das, was Kunstregel werden will. Und die Narkose als geburtshilfliche Maßnahme will Kunstregel werden. Für viele Frauen beendet – auf Grund ihrer religiösen Bindung – das Bibelwort: "Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären" jede weitere Erörterung. Wer wollte wagen, einer solchen Haltung den menschlichen und ärztlichen Respekt zu verweigern? Andere wiederum benötgen mit elementarem Bedürfnis die Gegensätzlichkeit des Wehenschmerzes und des Glücks, ihr Kind in den Arm gelegt zu beikommen, um das Erlebnis des Mutterwerdens voll auszuschöpfen. Der Schmerz des Gebärens ist ihnen das Portal der weltgültig erworbenen Mutterlebe. Und abermals andere fürchten für ihr Kind, wenn es, eingelullt von Apothekerware, ins Diesseits gleitet. In der Tiefenpsychologie spielt "das Trauma der Geburt" bekanntlich eine wesentliche Rolle. Wer sagt uns, daß der Menschengeist, der beim Geburtsprozeß eine erste Einweihung in die helldunklen Mysterien des Diesseits empfängt, nicht von höherer Weisheit solche Begegnung mit einem schrecklichen "Hüter der Schwelle" verordnet bekommen hat? Goethe sagt: "Die Natur hat immer recht." Der zivilisationsoptimistische Biotechniker meint, sie habe meistens unrecht. Unbefangene Erfahrung lehrt, daß es kaum Gesünderes für eine Frau gibt als eine normal verlaufende Schwangerschaft und kaum ein ihr angemesseneres Erleben als eine normale – nämlich Wehenschmerz durch Mutterglück ausgleichende – Geburt. Man braucht kein Prophet zu sein, um den Biotechniker, zu dessen Gunsten zahlreiche Industrieschornsteine rauchen, Zukunfts-Chancen zuzubilligen. Aber in noch fernerer, in Schlußbilanzen ziehender Zukunft steht ein Fragezeichen, das diejenigen schon jetzt wahrnehmen können, die sich von der Biotechnik nicht – narkotisieren lassen. Über die Spätschäden der Narkose-Geburten ist noch nicht Buch geführt worden. Aber es steht fest, daß kein Präparat je den ersten Schrei eines neuen Erdenbürgers in ein Lächeln verwandeln wird.

Die rechte seelische Vorbereitung einer werdenden Mutter kann eine weitaus bessere ärztliche Hilfe sein als jene Einstellung, die das Gebären zur Katastrophe macht und dann mit Äthermaske oder Spritze retten will, was noch zu retten ist. In Wahrheit treten nämlich – von Extremfällen seltener Art abgesehen – Geburtskomplikationen gerade dort auf, wo der natürliche Ablauf durch Narkosen gestört wird. Die Zahl der asphyktischen (halb erstickten), blau zur Welt kommenden Kinder ist jedenfalls bei den Narkose-Geburten größer als bei den normal ablaufenden. Man kann mit der Sauerstofflasche hinzueilen, jedoch wer weiß heute bereits eindeutig Bescheid darüber, wie sich eine solche irdische Initial-Narkose auf Leib und Seele des Kindes auswirkt? Vor einem Vierteljahrhundert schrieb der neunundzwanzigjährige Alfred Seidel sein damals vielbeachtetes Buch "Bewußtsein als Verhängnis". Er quittierte das Erscheinen seines Werkes durch Selbstmord. Heute haben wir erkannt, daß die Bewußtseins-Trübung das größere Verhängnis darstellt. Beginnt diese Trübung bereits – für Mutter und Kind – bei der Geburt, so daß die Zange ans Werk muß, weil die Wehen versiegen, dann liegt es nahe, darin ein Symbol für eine anthropologisch fragwürdig gewordene Menschheit zu sehen.

Den Biotechniker bringt all dies nicht in Verlegenheit. Er schlägt die Lumbalanästhesie als Geburts-Erleichterung vor. Der Gebärenden wird eine Injektionskanüle in die Wirbelsäule appliziert; weit genug unterhalb der Kopfregion. Das betäubende Präparat ist mit einer sterilen Zuckerlösung vermischt, deren spezifisches Gewicht schwerer ist als das der Rückenmarksflüssigkeit. So wird nur derjenige Teil des Körpers schmerzlos, der unterhalb der Injektionsstelle liegt. Nun kann die Gebärende – so schreibt die leitende Ärztin des größten Entbindungsheims von Chikago wörtlich über dieses Verfahren – flachen, reden, rauchen oder essen". Allerdings muß der Arzt, um die Geburt zuwege zu bringen, die Geburtswege einschneiden und hinterdrein wieder vernähen; aber die Mutter kann wenigstens den ersten Schrei ihres Kindes hören. Es gibt natürlich Risiken: das Risiko der Geburt an sich und das Risiko des Eingriffs in den natürlichen Ablauf", heißt es weiter.

Werner Kollath, der einstige Ordinarius für Hygiene in Rostock und der bedeutendste Gesundheitslehrer unserer Tage, prägte den Satz: "Laßt das Natürliche so natürlich wie möglich." Das scheint uns, prinzipiell gesprochen, das A und O aller Lebenskunst zu sein – und auch die Probleme der Narkose-Geburt mitzulösen. Es sei denn, daß wir das Zeitalter der Retortenkinder herbeiwünschen, das Aldous Huxley in seinem warnenden Buch "Wackre neue Welt" schildert...