Von P. Alverdes

Als ich ein Knabe war, habe ich eine Zeitlang Ölbilder gemalt. Ich besitze keines mehr davon; nur eine große Vorliebe für der Duft nach Terpentin und Leinöl ist mir geblieben. So oft ich ihm begegne, manchmal in dem Atelier eines Freundes, manchmal auch nur über der Flasche in der Putzkammer unter neinem Dach, wird die Erinnerung an ein einsames, tiefes Glück jener Zeit in mir lebendig. Konnte ich es damals doch selber Frühling werden lassen, mit viel Blütenweiß, das ich aus den eben noch kahlen Baumkronen hervorzauberte, so dick, daß man es hernach mit dem Finger fühlen konnte. Hatte ich gerade noch etwas nasses Rot und Gelb übrig, dann ließ ich es ferner an einem bunten Blumenflor auf der Altane nicht fehlen. Manchmal langte es sogar noch dazu, der Bäuerin einen prangenden Garten vor dem Haus anzulegen, wo mir zuvor nichts als ein Misthaufen eingefallen war. Am liebsten aber malte ich Winterbilder. Das viele reine Weiß auf Erden und die blau gefrorenen Weiher und die Mützen auf den Zaunpfosten und ein paar pechschwarze Raben dazu –; das war wahrhaftig eine große Glückseligkeit.

Wenn ich mich daran erinnere, dann weiß ich, was die Grandma Moses auf ihrem Bauernhof in der schönen Landschaft Vermont für einen wundervollen Lebensabend verbringt, seit sie auf das Malen gekommen ist. Es war schon tiefer Abend für sie, als es geschah, und er währt noch immer fort. Grandma Moses hat erst in ihrem achten Jahrzehnt mit dem Malen begonnen, nachdem ihr das Bestideen von Teppichen und Vorhängen mit Bildergeschichten zu mühselig geworden. Jetzt zählt sie neunzig Jahre. Auf dem Lichtbild von ihr, das bei ihren Gemälden in der Ausstellung im Münchner Amerika-Haus hängt, sieht man ein steinaltes Weiblein mit sehr großen klugen Augen in einem, hager-wachsamen Großmuttergesicht. Es ist von einem langen, harten Bäuerinnenleben gezeichnet. Zehn Kinder hat sie Mister Moses geboren und immerhin die Hälfte davon durchgebracht bis an den heutigen Tag. Zwischendurch hat sie jahrein, jahraus Marmelade aus ihren Äpfeln gekocht und Zucker aus Ahornsaft, draußen unter den Bäumen vor dem Farmerhaus, hat Gänse gezählt und des Sommers geholfen, das Heu hereinzubringen und zum Christfest die Weihnachtsbäume. Oft hat sie auch zugesehen, wie der Wind über den Bäumen aufkam, und wie es nach der Messe bei der kleinen Kirche gewesen, oder wie der Wald brannte, mit glutroter Lohe unter dem himmelhohen grauschwarzen Qualm, oder wie dick das Eis heuer wurde oder wie der Sturm über das Wasser tobte. Inzwischen kam auch einmal Tante Judith zu Besuch oder niemand wußte, wo denn eigentlich Onkel Jonny wieder steckte, und einmal hatten sie am Heiligen Abend, als eben der Truthahn goldenfett aufgetragen wurde, einen Landstreicher zu Gast, einen lustigen Bruder mit einer Feder am Hut. Das alles gibt schöne, unerschöpfliche Vorwürfe für die Bilder, die sie nun malt. Viele davon sind in ungezählten Wiedergaben oder als Postkarten und Kalenderschmuck in Amerika verbreitet, und die Originale hängen in den öffentlichen Galerien und den Sammlungen derer, die den „Weg über die Brücke bei der Mühle“ etwa oder den „Ersten Schnee“ bezahlen konnten. Denn inzwischen wird Grandma Moses wohl etwas mehr dafür erzielen als nur einen Dollar für das Stück, wie es zu Anfang bei dem Krämer gewesen, der ihr auch ihre Apfelmarmelade abnahm.

Inzwischen nämlich zählt man sie zu den großen Primitiven, und es war sogar zu lesen, daß man sie eigentlich nur mit Henri Rousseau, dem malenden Zöllner, vergleichen könnte. Aber das ist kein glücklicher Vergleich. Man muß sich nur einmal dessen Selbstporträt ansehen, um inne zu werden, daß er es mit der Kunst zu tun hatte und – wie das nicht selten zusammengeht – mit dem Teufel im Leib dazu. Grandma Moses aber will es mit dem Leben zu tun haben, mit dem gehabten Leben, sofern es glücklich und heiter war. Das feiert nun auf ihren Bildern Auferstehung, linkisch oft, aber rührend und eindringlich, wie es Kinderzeichnungen sein können, und wie es die Votivtafeln sind, die in den Gnadenkapellen zu sehen sind. Dabei hat sie es unversehens zuweilen doch noch mit der Kunst zu tun. Sie verdankt das wohl ihren großen Augen und ihrem dankbar bewahrenden Gedächtnis, denn alle ihre Bilder malt sie ja nicht vor der Landschaft, sondern in der Wohnstube zu Hause. Wie die Schneeflocken vor der noch grünen Wand des Waldes herniedersäuseln, ganz simpel, eine neben die andere fleißig hingepinselt, oder wie das Licht auf den fernen Hügeln von Vermont schimmert und wie der Sturmwind die Häupter der Bäume mit dem flatternden grünen Haar so ängstlich nach der einen Seite wendet, das lernt mancher sein ganzes Leben nicht, auch wenn er schon zu Anfang und nicht erst an seinem Ende zu malen begann.

Und dann gibt es da ein Herbstbild, das wirklich von dem Licht des Herbstes durchgoldet ist, und man fragt sich, wer die Urmama in ihrem Bauernhaus, mit der reinlichen Küchenschürze statt des zünftigen Atelierkittels um die gebrechlichen Schultern, das eigentlich gelehrt haben mag. Und dann entdeckt man ein paar springende Rösser, schneeweiß mit fliegenden Mähnen oder einen Knaben, der über einen Weg setzt, von solcher Ausdrucksgewalt, wie sie von den Primitiven, die man wirklich mit ihr vergleichen könnte, dem Stadtmedicus Hoffmann zu Frankfurt ähnlich gelungen ist, als er für seine kranken Kinder den fliegenden Robert und den Hans-guck-in-die-Luft erfunden. Freilich hat der es immer auch mit dem Bösen und dem Unheil zu tun gehabt. Das brennende Paulinchen und die abgeschnittenen Daumen des armen Konrad haben uns jedenfalls immer sehr aufgeregt. Das kann man von der Grandma Moses zum Glück nicht sagen, und schließlich hat es uns an aufregenden Besuchen von drüben ja auch nicht gefehlt. Um so willkommener ist uns nun der ihre, eben weil sie mit ihren Bildergeschichten nichts anderes will, als sich und den anderen zu erzählen, wie glücklich ihr Leben gewesen ist.