Im englischen Coney Island

Blackpool, Ende Juli

Mit einem schnellen Sonderzug ist Blackpool, an der englischen Atlantikküste, von London aus in fünf Stunden zu erreichen. Es ist das größte Vergnügungszentrum der Welt und übertrumpft den New Yorker Vergnügungspark Coney Island. Blackpool ist ein Ort der Erholung und Lustbarkeit für jeden: für den Beamten, Angestellten und Arbeiter. Es ist eine englische Attraktion für diejenigen, die Spaß haben wollen. Das vorjährige Sommergeschäft war aber das größte, das dieses Seebad je gehabt hat. Und man verlängerte die Saison in den Winter hinein, indem man ganz Blackpool illuminierte. Die berühmte Theater- und Filmdarstellerin Anna Neagle hat die Illumination angeschaltet. Sie brennt seitdem Abend für Abend, Nacht für Nacht. Und ganz England strömt nun in die lustigste, lauteste Stadt der grünen Insel.

Blackpool zählt 140 000 Einwohner und kann in seinen Hotels, Pensionen und Privatquartieren eine Million Gäste unterbringen. An jedem Wochenende kommen zahlreiche Sonderzüge sowie Tausende von Omnibussen und Privatwagen herbei. Wahrlich, es ist jetzt fast kein Vergnügen mehr! Man kommt im Auto wie in New Yorks Innenstadt überhaupt nicht mehr vorwärts. Ein Glück, daß die Straßenbahnen Blackpools die schönsten der Welt sind! Sie haben zwei Etagen wie Omnibusse, ihre Sitze sind elegant und hochkomfortabel gepolstert. Am Strandboulevard laufen diese Luxus-Straßenbahnen, um die Gäste nicht durch häßliche Geräusche zu stören, nicht mehr in den üblichen Eisenschienen, sondern in Gummischienen. Eine Neuheit, die hier zum ersten Male ausprobiert wurde und vielleicht ihren Siegeszug über die ganze Welt antreten wird!

Dieser Strandboulevard hat eine Länge von sieben Meilen, und der Vergnügungspark Blackpools ist der weiträumigste der Welt. Dann hat das Seebad den idealsten Strand, den man sich als Sommergast vorstellen kann.

Unübertroffen ist Blackpool aber auch in der Zahl der Theater und Kinos. Die 82 000 Theaterplätze Blackpools sind täglich, also nicht nur über das Wochenende, zweimal ausverkauft, womit Blackpool am Theaterkartenumsatz der Welt auch die Spitze hält. Was hier geboten werden soll, muß erstklassig sein, daher werden auch die höchsten Gagen gezahlt. Kein Wunder, daß sich alle Hollywood-Stars, die nach England kommen, nach Blackpool drängen.

Der englische Dramatiker J. B. Priestley hat oft gesagt: Let the people sing! Hier in Blackpool wird gesungen, hier ist die Stadt der glücklichen Menschen, der meist recht harmlosen, dabei durchaus qualifizierten Lustbarkeit.

Wegen seiner phantastischen Zimmerkapazität wird Blackpool gern zum Tagungsort großer Konferenzen auserwählt. Hier tagen die Mitglieder des Rotary-Klubs und der Gewerkschaften. Im Kriege waren die meisten Londoner Ministerien nach Blackpool evakuiert. Im Wappen der Stadt Blackpool steht nur ein Wort: „Progress“. Dabei ist Blackpool eine stock-konservative Stadt mit zwei berühmten Ehrenbürgern, auf die man allerdings maßlos stolz ist: Winston Churchill und Montgomery. Der Ex-Premier erklärte bezeichnenderweise, daß er keine andere Ehrenbürgerschaft so gerne angenommen hätte, wie gerade die von Blackpool. Er liebe diese Stadt und ihren Geist. Denn ihn brauche man heute mehr denn je. Der Mann von der Straße müsse seine kleinen Freuden haben, sonst mache ihm das Leben keinen Spaß. Damit sei Blackpool politisch wichtig. Jeder, der die Menschen glücklich mache, sei auch ein Politiker. Blackpool sei auf seine Weise ein Hort gegen den Bolschewismus. Nur unglückliche Menschen interessieren sich dafür. Rolf Italiaander