In einer Situation wie der unseren hat ein Finanzminister, dem man schon in Zeiten des Wohlstandes gern mit verdrießlicher Kritik begegnet, wahrlich kein beneidenswertes Amt. Um so mehr spricht es für die politische Vitalität Schäffers, daß er vor dem Risiko dieser Aufgaben nicht zurückschrak. Freilich, in schwierigen Auseinandersetzungen hat er eine lange Erfahrung. Noch vor zwei Jahren von Dr. Josef Müller politisch scheinbar knockout geschlagen, tauchte er schon elf Monate später in der inzwischen größer gewordenen politischen Arena wieder auf, ein Start, der ihm übrigens nicht nur in Bonn, sondern auch in München, seiner ursprünglichen Wirkungsstätte, zu einer starken Position verhalf. Kenner der komplizierten bayerischen Politik behaupten, Schäffer sei es gegenüber Müller gelungen, was dieser ihm gegenüber vergeblich angestrebt hätte: den anderen endgültig in der Partei zu überspielen.

Nach dem Wort Napoleons muß ein guter General Glück haben. Aber auch ein erfolgreicher Politiker braucht das Glück. Es war zweifellos ein Glück für Schäffer, daß ihn die amerikanische Militärregierung, die ihn im Mai 1945 zum Ministerpräsidenten von Bayern ernannt hatte, schon im September desselben Jahres wieder dieses Postens enthob. Dadurch blieb ihm neben mancher anderen Prestige-Gefährdung die Belastung mit der Entnazifizierungspolitik erspart. Als ihm bald darauf die amerikanische Militärregierung jegliche politische Tätigkeit verbot, haben wohl nur wenige an ein so baldiges Come back Schäffers geglaubt. Aber es ist seine Starke, sich nicht entmutigen zu lassen. Auch die lange politische Untätigkeit, zu der ihn die Nazis als ehemaligen Vorsitzenden der Bayerischen Volkspartei und Leiter des bayerischen Finanzministeriums gezwungen hatten, hatte seine Zuversicht und Willenskraft nicht brechen können.

Er spielt gern mit dem Feuer. Ein prononcierter bayerischer Föderalist, übernahm er dennoch mit dem Bundesfinanzministerium eine Aufgabe, deren zentralistische Konsequenzen ihm leicht, wie er wußte, von den Partikularisten in der Heimat zum Vorwurf gemacht werden konnten. Doch er hat sich nicht gefürchtet. Er hat mit dem Feuer der bayrischen Kritik gespielt. Doch auch die Konzeption seiner Finanzpolitik gleicht einem Spiel mit dem Feuer. Die Einkommen- und Körperschaftsteuer zu ermäßigen, um damit der Wirtschaft einen Auftrieb zu geben, ist unter den gegenwärtigen Umständen ein riskantes Experiment. Es ist doppelt gefährlich, weil der Steuerherabsetzung eine Erhöhung des Aufwandes für soziale Zwecke gegenübersteht, scheinbar ein Widerspruch in sich selbst, der von den Alliierten mit Skepsis, der Opposition im Parlament mit prinzipieller Kritik und von den Vertriebenen mit leidenschaftlicher Enttäuschung verfolgt wird. Gerade mit den Flüchtlingen mußte Schäffer im Hinblick auf seine Finanzpolitik in schärfsten Gegensatz geraten und er hat wohl auch die Schwierigkeiten, die zwischen ihm und den Vertriebenen entstanden, noch durch manche Äußerung verschärft, die wohl besser unterblieben wäre.

Alles in allem ist Schäffer eine der wenigen markanten Figuren des Bundeskabinetts. Er kämpft zäh um seine Ideen, er hat manchmal allerdings auch um die Ideen anderer zäh gekämpft, wie zum Beispiel für die Wahl Bonns zum Bundessitz. Er versteht es, die strenge Logik seiner Deduktionen in eine charmante Ironie zu hüllen. Das gibt ihm, besonders im kleineren Gesprächsforum, eine Überzeugungskraft, der man sich nur schwer entziehen kann. R. S.