In der letzten Zeit ist im Ausland das Gerede über ein angebliches deutsches Lohndumping wieder etwas stärker geworden – siehe der Diamantenboykott. Natürlich, daß es sich bei diesen Vorwürfen fast immer um Konkurrenz- und Interessenmanöver handelt, steht außer Frage. Die jüngste statistische Erhebung zeigt nämlich, daß bereits im September vorigen Jahres in der westdeutschen Industrie durchschnittlich um 51 v. H. höhere Stundenlöhne gezahlt wurden als 1938. Bei den Arbeitern betrug die Steigerung annähernd 49 v. H., bei den Arbeiterinnen sogar durchschnittlich 72 v. H. Heute dürften diese Steigerungssätze sogar noch etwas höher liegen, da seit September in verschiedenen Industriezweigen Tariferhöhungen erfolgt sind. Die Brutto-Stundenlöhne sind also in einzelnen Industriearbeitergruppen im Durchschnitt stärker gestiegen, als die Indexziffer der Lebenshaltungskosten, die heute etwa bei 155 steht. Diese Feststellung besagt natürlich noch nicht, daß auch der Reallohn der Industriearbeiter schon wieder den Vorkriegsstand erreicht hat; sie läßt aber erkennen, daß die Belastung der westdeutschen Betriebe mit Lohnkosten (vor allem, wenn man die immer noch nicht vorkriegsmäßigen Leistungen berüksichtigt) heute wesentlich höher ist als vor dem Kriege – von der gleichzeitigen Erhöhung der Soziallasten ganz zu schweigen.

Zu dieser Erkenntnis dürfte auch die Wirtschaftsabteilung des französischen Außenminister riums gekommen sein, nachdem sie jetzt ihre Untersuchung über das Lohnniveau in verschiedenen deutschen und französischen Industriezweigen abgeschlossen hat. Sie sah sich zu diesem Lohnvergleich veranlaßt, weil seit der Liberalisierung des deutsch-französischen Handels zahlreiche Industriezweige in Frankreich, vor allem der Maschinenbau und die chemische Industrie, mit steigendem Nachdruck eine Erhöhung der französischen Einfuhrzölle forderten, und zwar mit der Begründung, die deutsche Konkurrenz sei infolge ihrer niedrigeren Steuerlasten und Lohnkosten auf dem französischen Markt unerträglich geworden. Nun aber hat das französische Außenministerium festgestellt, daß gerade in den Branchen, die in Frankreich am lautesten über das deutsche Lohndumping schreien, also im französischen Maschinenbau und in der chemischen Industrie, die Stundenlöhne niedriger sind als in Deutschland. Im deutschen Maschinenbau werden um 17 v.H. und in der chemischen Industrie bis zu 24 v. H. höhere Löhne gezahlt als in Frankreich. Ähnlich ist es im Baugewerbe. Hier beträgt der französische Stundenlohn 108 Franc, der umgerechnete deutsche aber 131 Franc, d. h. rund 21 v. H. mehr. Von einem deutschen Lohndumping kann also gar keine Rede sein. Im Gegenteil, wir könnten jetzt den Spieß umdrehen und den Vorwurf des Lohndumpings gegen gewisse französische Industrien erheben. Wir denken aber nicht daran, diese protektionistische Spiegelfechterei nun auch unsererseits aufzunehmen, denn uns will scheinen, daß derartige Vorwürfe eine recht dürftige und unlautere Geschäftsmethode sind. roe.