Eine von dem Minister für Landwirtschaft geführte Delegation, der auch der stellvertretende Minister für die nationale Wirtschaft und der stellvertretende Präsident der Nationalbank angehörten, hat vor kurzem in Moskau nach drei Monate währenden Verhandlungen einen Handelsvertrag mit der Sowjetunion abgeschlossen. Es ist das erste Abkommen dieser Art, zu dem die Regierung in Kabul sich aus einer selbst verschuldeten Notlage heraus entschließen mußte.

Afghanistan ist ein Land ohne Eisenbahnen. Die Schienenwege der beiden großen Nachbarländer – Rußland im Norden und Pakistan im Süden – sind bei Termes und Kuschka und bei Jalalabad und Kala-i Baldak bis unmittelbar an die Grenze Afghanistans geführt worden. Die Rivalität zwischen Rußland und England, das einst über Pakistan als einen Teil Indiens herrschte, verhinderte aus strategischen Gründen jedoch jeden Eisenbahnbau in Afghanistan selbst. Das Land ist daher auf Straßen angewiesen. Aber auch der Bau von Straßen erregte sofort den gegenseitigen Argwohn der mächtigen Nachbarn, so daß das Land heute nur 3700 Kilometer Allwetter-Straßen besitzt, deren Zustand viel zu wünschen übrig läßt.

Zu dieser Verkehrskalamität kommt hinzu, daß Afghanistan in seiner gesamten Ein- und Ausfuhr von Pakistan oder Rußland abhängig ist. Der nächstgelegene Seehafen ist Pakistans Hauptstadt Karatschi. Solange die Engländer in Indien regierten, hatten sie Afghanistan in Karatschi eine Freihafenzone und auf den Eisenbahnen Sondertarife für Transitgüter eingeräumt. Diese für die Entwicklung des Außenhandels notwendigen Voraussetzungen hat die Regierung in Kabul dann dadurch zunichte gemacht, daß sie mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit die Schaffung eines Pufferstaates zwischen Afghanistan und Pakistan forderte, den sie als „Puschtunistan“ oder „Pathanistan“ bezeichnete. Dieser Staat soll nach Ansicht des afghanischen Ministerpräsidenten die gesamte Nordwest-Provinz Pakistans und Teile des jetzt zu Pakistan gehörenden Belutschistan einschließlich Peschawar und Quetta umfassen. Die Grenze im Osten soll der Indus und im Westen die Durand-Linie sein, die 1893 als Grenze zwischen Afghanistan und dem damaligen Britisch-Belutschistan festgelegt worden war.

Es ist verständlich, daß Karatschi gegen diese unfreundliche Haltung der Regierung in Kabul entsprechende Gegenmaßnahmen trifft. So hat Pakistan seit geraumer Zeit jeden Transitverkehr von und nach Afghanistan gestoppt, so daß die Brennstoffknappheit in diesem vom Autoverkehr abhängigen Lande – wenn man von den Transportmöglichkeiten durch Kamelkarawanen und auf Eselrücken absieht – katastrophale Formen angenommen hat. Zwar besitzt Afghanistan eigene Ölvorkommen, jedoch sind diese aus den gleichen Gründen, die den Eisenbahnbau verhinderten, nicht erschlossen worden. Der Hauptlieferant für Erdöl-Produkte, die via Karatschi nach Afghanistan eingeführt wurden, war England. Nachdem diese Quelle verstopft ist, liefert die Sowjetunion nur in bescheidenen Mengen und zu hohen Preisen den so dringend benötigten Brennstoff.

Der Export afghanischer Früchte nach Indien, der in normalen Zeiten einen wesentlichen Teil der Ausfuhr ausmacht, ist völlig zum Stillstand gekommen. Umgekehrt kann Indien keine Baumwolle nach Afghanistan liefern. Die Ausfuhr von Karakulfellen erfuhr gleichfalls einen sehr starken Rückgang, nachdem der von den Vereinigten Staaten vor Jahren zur Verfügung gestellte Betrag von 100 Millionen Dollar aufgebraucht war. Trotz aller dieser Folgen der selbstverschuldeten Blockademaßnahmen Pakistans verfolgt die Regierung in Kabul auch weiterhin zäh ihren Puschtunistan-Plan. Sie hat sogar den Versuch gemacht, die auf pakistanischem Gebiet in der Nordwest-Provinz lebenden Stämme, insbesondere den berüchtigten Fakir von Ipi, durch Geld und Waffen gegen Pakistan aufzuwiegeln.

Das völlig negative Ergebnis in der Puschtunistan-Frage und die ernste wirtschaftliche Lage Afghanistans sind ohne Zweifel die treibenden Kräfte für eine Annäherung Kabuls an die Sowjetunion. Moskau ist es, das aus der Entwicklung dieses völlig überflüssigen Streites politische Vorteile und wirtschaftlichen Nutzen zieht. Die in Afghanistan trotz aller demokratischen Verzierungen herrschende absolute Monarchie der königlichen Sippe des Mohammed Zai – der Ministerpräsident ist der Onkel des Königs, der Kriegsmipister und der Minister für öffentliche Arbeiten sind Vettern des Königs, der Verkehrsminister ist deren Schwager, der Hofminister ist der Schwiegervater des Königs – hat sich selbst durch ihre Haltung in der Puschtunistan-Frage einen sehr schlechten Dienst erwiesen, indem sie in einer kaum zu überbietenden Weise den Sowjets in die Hände spielte. Eines Tages wird dieser Monarchie aus Moskau eine Rechnung präsentiert werden, die sie nicht begleichen kann. Dann wird sie entweder unter Geschäftsaufsicht gestellt oder aber zur Liquidation gezwungen werden. E. K.