Von unserem Bonner Korrespondenten

R. S. Bonn Anfang August

Das Bonner Grundgesetz hat die Formel gewagt, daß „niemand gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“ könne. Aber die katholische Kirche weiß, daß höhere Gesetze hier am Werk sind. Der Abwehrkrieg gegen die Störung der gerechten Ordnung“ sei, so lehrt sie eindeutig, sittlich gerechtfertigte Notwehr. Der Begriff des „Friedens um jeden Preis“ ist nach ihrer Lehre mit dem christlichen Gedanken nicht vereinbar. Daher lehnt sie die „uneingeschränkte, absolute Kriegsdienstverweigerung“ ab. Mit diesen Worten etwa hat auch Kardinal Frings auf dem Bonner Katholikentag die Stellungnahme der katholischen Kirche zu dem Problem der sittlichen Rechtfertigung des Verteidigungskrieges umschrieben. Seine Äußerungen wichen weder in der Form noch im Inhalt von der herkömmlichen Auffassung der Kirche ab. Daß sie trotzdem so großes Airsehen erregten, war durch den Zeitpunkt beding:.

Bald nach jener Predigt hörte man – ebenfalls in Bonn – von maßgeblichen Vertretern der evangelischen Kirche, wie dem Präsidenten des Kirchentages Dr. von Thadden-Trieglaff, dem Bonner Theologie-Professor Dehn und anderen evangelischen Repräsentanten, sehr beachtenswerte Äußerungen in einem kleinen Gesprächskreis zu dem gleichen Thema. Man konnte sich dabei des Eindrucks nicht erwehren, daß hier eine gewisse Zwiespältigkeit in Erscheinung trat, die durch die tragische Situation der evangelischen Kirche infolge der Spaltung Deutschlands bedingt ist. Im Prinzip, so erklärte Professor Dehn, treffe die Definition des Kölner Kardinals den Kern der Frage. Aber in den Folgerungen müsse sich die evangelische Kirche als eine nationale Kirche Bindungen auferlegen, die für die weltweite katholische Kirche nicht in gleichem Maße bestünden. Die evangelische Kirche sei die letzte seelische Brücke, die viele Menschen der Ostzone noch mit dem Westen verbinde. Darauf müsse man Rücksicht nehmen. – Diese in den Äußerungen der maßgeblichen evangelischen Sprecher immer wiederkehrende Auffassung erklärt manche Hemmung, die sonst wohl als Inkonsequenz erscheinen könnte. Auf der Kirchensynode in Berlin zum Beispiel stellte man sich auf die Seite des Kriegsdienstverweigerers und erklärte, man wolle ihn unter bestimmten Voraussetzungen in den Schutz der Kirche nehmen. Welcher Wandel gegenüber dem Standpunkt vor einem Vierteljahrhundert! Damals galt in den gleichen Kreisen das Wort Pazifist beinahe noch als Schimpfwort.

Draußen in der Welt, wo die deutsche evangelische Kirche ein weites Forum hat, im Weltkirchenrat, billigte sie ebenso wie Kardinal Frings den „gerechten Verteidigungskrieg“. Denn auf der Tagung des Weltkirchenrates in Toronto wurde der Angriff auf Südkorea ausdrücklich verurteilt und die „Polizeiaktion“ gebilligt. Aber man wies, teils der Gerechtigkeit, aber vielleicht auch zum Teil der Abschwächung halber, warnend auf die Ausbeutung der arbeitenden Menschen in vielen Teilen der Welt hin, die zweifellos mit zu den Ursachen von Angriffskriegen gehöre. Ein fast diplomatisch klug ausgewogener Protest, der ein hohes Gerechtigkeitsgefühl erkennen läßt.