Bachfest 1950 in Göttingen

Bei großen Jubiläumsanlässen gefällt es unseren fortgeschrittenen Zeitgenossen, die überlegene Frage zu stellen: Was hat uns dieser... heute noch zu sagen? Was soviel heißen will wie: es gehört schon was dazu, uns Heutigen zu imponieren, denn wir sind inzwischen so und so viele Jahrhunderte „weiter gekommen“. Ist es ein Zufall, oder was bedeutet es sonst, daß – wenigstens in der noch nicht „gleichgeschalteten“ Welt – anläßlich des Bach-Gedenkens diese Frage nicht aufgeworfen wurde? Daß wenigstens jeder ernsthafte Musiker zu wissen scheint, wie sehr ihn solche Fragestellung kompromittieren würde? Es kann nicht die bloße Autorität eines gefeierten Namens sein, die hier Bescheidenheit erzwingt, denn sie tut es ja in fast keinem anderen Falle so widerspruchslos.

Bach ist in der Musik der Meister aller Meister, und was an seinem Werk generationsgebunden war, ist derart vollkommen in die Stilprägung einer dauergültigen Aussage eingegangen, daß es seiner Zeitbedingtheit nahezu enthoben ist. Das Ganze aber stellt eine Leistung dar, die nicht nur niemals „überholt“ werden, kann, sondern fortwährend noch neue Impulse spendet, neue Aufgaben sichtbar macht und dabei in ihrer schwindelerregenden Höhe des bereits Erfüllten immer noch statt vergangener Anregung künftiges Ziel bleibt. Wenn jemals die Musikanschauung und das schöpferische Streben einer Zeit gesund sind, ist Bach „modern“. Auch bei der „Neuen Musik“ von heute hat er Pate gestanden. Daß diese Tatsache bislang noch so wenige reife Früchte gezeitigt hat, muß wohl daran liegen, daß den „Neuen“ eines fehlt, ohne das auch Bach nicht Bach geworden wäre: das Ethos der menschlichen Ganzheit und Einheit, für das alles Sein und Wirken in der Welt im Dienste sittlicher Gesetze und ewiger Verpflichtungen geschieht; das Ethos der Religiosität, die keine Scheidung zwischen geistigen, geistlichen und weltlichen Anliegen kennt.

Da es unmöglich die äußeren Ereignisse der Göttinger Bach-Woche und ihre Träger hier einzeln aufzuzählen und zu würdigen, müssen dafür diese Gedanken als ihr wesentlicher Ertrag verzeichnet werden. Als wichtigste bewegende Kräfte seien nur genannt: der Dirigent der großen Kantaten-, Konzert- und Chorabende (H-moll-Messe in der Johanniskirche) Fritz Lehmann – der übrigens für die Dauer seines dortigen Musikdirektorats Göttingen zu einer namhaften Musikstadt machte – und der erstaunliche Kenner und Meister der Bachischen Orgel- und Cembaloliteratur Helmut Walcha, dem auch ein profunder Vortrag über das Wunderwerk der Orgelmesse (Clavierübung, dritter Teil) zu danken war. Neben den Messe- und Kantatenabenden (mit dem hochherrlichen „Magnificat“) war Walchas Wiedergabe dieser wahrhaft mystischen Komposition auf der Mahrenholz-Orgel der Marienkirche der mächtigste Eindruck des Festes. Hier ganz besonders wurde zum Erlebnis, wie Bachs Einzigartigkeit darin besteht, daß er das Letzte und Geheimste in Gestaltungen zu bringen weiß, die es als Hintergründe eherner Ordnung hörbar machen.

Unter den musikwissenschaftlichen Vorträgen in der Universitätsaula bereicherte am meisten der von Friedrich Smend über das Thema „Der weltliche Bach“. Er führte den Nachweis, daß es (im Sinne jener oben erwähnten Ganzheit und Einheit) eine stilistische und wesensmäßige Trennung zwischen „weltlichen“ und „geistlichen“ Werken bei Bach nicht geben kann, auf eine umso überzeugendere nüchtern-sachliche Art. Auf anderem Wege kam in der Gedenkfeier des 28. Juli Landesbischof D. Dr. Hanns Lilje zu dem gleichen Ergebnis. Er rückte auch die entscheidende Bedeutung der Ordnung und des Maßes in Bachs Kunstübung – bei aller unvergleichlichen Fülle – vor das Bewußtsein der Hörer und richtete einen ebenso notwendigen wie dringenden Appell an die Adresse der Zeitgenossen, indem er Adalbert Stifters Satz Untergehenden Völkern schwindet zuerst das Maß“ zitierte und Bach (die ganze menschliche und künstlerische Erscheinung) einen der wenigen Faktoren nannte, an denen unser Volk wieder Halt und Richtung gewinnen könne.

Daß übrigens die Qualität der Wiedergabe in allen Fällen auf festspielmäßiger Höhe stand, und daß die Aufführungspraxis bei allen Werken um möglichst strenge Stiltreue auch hinsichtlich des historischen Instrumentariums bemüht war, versteht sich von selbst. Die hierbei angewendete neueste Konstruktion einer Bachtrompete konnte freilich gelegentlich noch nicht ganz befriedigen.

Wie als Mitwirkende berufene Kräfte von überall her zusammengeströmt waren, so auch als Hörer und als Besucher der großartigen Bach-Dokumenten-Ausstellung, an deren Zustandekommen auch ausländische Bibliotheken beteiligt waren. So kann dieses Fest mit Recht repräsentativ genannt werden und wird gewiß noch über seinen äußeren Abschluß hinaus Resonanz haben.

Walter Abendroth