i. h. – Berlin, Ende Juli

Das ist eine Ausstellung, wie man noch keine sah. Ja, eigentlich ist es gar keine Ausstellung, sondern eine freie Improvisation mit Gegenständen. Nein, auch nicht mit Gegenständen, sondern mit „Dingen“ (um heideggerisch zu sprechen), also mit Sachen, die zu etwas da sind. Man soll sie aber nicht kaufen (dann wären es Waren), man soll sie auch nicht Stück für Stück betrachten (dann wären es Objekte), sondern soll sich von ihrem wie zufälligen Zusammenspiel einfangen lassen in die Stimmung der Stadt, aus der sie kommen. „Ça, c’est Paris!“ heißt dies kaleidoskopische Eintagsmuseum, das sich auf einer Wanderung durch Deutschland (denn Wandern ist heutzutage der Museen Lust) zuerst in Berlin etabliert hat.

Da liegen wahllos und ohne Absicht zwei Walnußschalen auf rehbraunen Wildlederhandschuhen, zufällig verloren – vielleicht. In dem schweren, geschliffenen Kristallaschenbecher auf schwarzem Samt scheint noch eine Zigarette zu glühen, der Rauch umschwebt sanft eine Flasche Martell. Irgendwo dort, wo „unterbrochene Soupers“ Stil und Geschmack der Jahrhunderte bezeugen, ist ein hauchzartes Spitzentuch vergessen worden, ein Frauenhandschuh; auf der Lehne eines hochbeinigen Stuhles blieb ein Schal zurück, ein Fächer wurde zum Souper beiseite gelegt.

Wer kann sich solch ein Spiel mit dem Flüchtigsten ausdenken, solch eine Szenerie des erinnerten oder erträumten Wohllebens? Niemand als Christian Bérard, möchte man meinen, der große Improvisator der Dekoration (im vielfältigsten Sinn des Worts). Doch man weiß, er ist tot. Ist er tot? Seine lockere Hand, sein blitzschneller Blick, sein traumhaft sicherer Formensinn leben fort in seinem Schüler Jean Saint-Martin, der sich diese Phantasie über Paris hat einfallen lassen.

Der Geist seines Einfalls ist aber nicht eigenmächtig. In ihm spiegelt sich der Geist der Dinge, der Gläser und Flacons, der Bestecke und Diademe, der Meublements und rauschenden Abendröten. Eine kleine Galerie bemalter Flacons ruht neben einer Nachbildung der Krone der Kaiserin Eugenie, winzige Schminktöpfchen galanter Kavaliere aus dem achtzehnten Jahrhundert vervollständigen die Vitrine, die der kunstvoll gestickte Schuh und der tröpfelnde Schmuck einer Dame um 1700 füllt. Ein leerer Bilderrahmen, seltsam verschnörkelt, Fächer, Blumen, Ketten, Armbänder, Etuis und Dosen, alles liegt auf Brokat, Damast, Samt oder Tüll gebettet. Aus einem gläsernen See erhebt sich eine Meerjungfrau, aus bronziertem Draht gebogen, in den Händen spielerisch tändelnd kostbares Parfum.

Dazu nun aber doch die neuesten Schöpfungen der Pariser Haute Couture, Originalmodelle berühmter Modekünstler, getragen von halblebensgroßen Figurinen. Glänzender Atlas, bauschiger Organdy, gleißende Seide, prächtiger Brokat, zärtlicher Tüll geben eine Sinfonie der Farbe und des Materials. Grazie und Esprit sind hier offenbar geworden.

„Entwürfe für ein Warenhaus der Zukunft“ nannte der Chef der französischen Kulturabteilung in Berlin, M. Grange, diese Hochzeit von Materie und Form. Sollte es je ein solches Warenhaus geben, so wird es nur in Paris stehen.