Die Weltpolitik hat die Teilmobilisierung der Vereinigten Staaten erzwungen. Der gesamte westliche Markt wird die Auswirkungen spüren – der westliche Markt, nicht der„Weltmarkt“. Denn das, was man vernünftigerweise unter „Weltmarkt“ verstehen kann, gibt es kaum mehr. Hie die östliche Hemisphäre mit eindeutigen Autarkiebestrebungen, mit bewußter Ausschaltung der Rentabilitätsrechnung, die nur deshalb noch gelegentlich am Austausch über alle Zonen teilnimmt, um eines Tages diesen Austausch nicht mehr nötig zu haben – da die westliche Hemisphäre, die im Prinzip die Gütererzeugung und -verteilung durch Angebot und Nachfrage bestimmen läßt. Diese Teilung in zwei Regionen mit verschiedenen Wirtschaftssystemen wird besonders deutlich, wenn man die Märkte für die Güter betrachtet, die für die Rüstung wichtig sind: die USA haben nämlich für alle Waren, bei denen eine kriegerische Verwendung möglich ist, schon vor Jahren ein Exportverbot für den östlichen Bereich erlassen. Der Handel zwischen Washington und Moskau und seinen Satelliten ist seitdem auf ein Minimum gesunken; umfangreich war er nie. Diesem strategischen Embargo der Amerikaner folgen die Dollarschuldner und gleichzeitigen politischen Freunde der USA. Doch lückenlos ist diese Sperre nicht; denn die UdSSR zahlt gut für Dinge, die sie braucht. Das verlockt, Aber auf den Mengen, die auf Umwegen in den Osten gelangen, läßt sich keine Planung für den Ernstfall aufbauen.

Für diesen Ernstfall gerüstet zu sein, durch die Rüstung vielleicht den Ernstfall vermeiden zu können, mobilisiert nun die westliche Welt. Die USA, mit einem jährlichen Volkseinkommen von über 275 Md. $ der Welt größter Produzent, hoffen, vorerst im Innern mit 10,5 Md. $ auszukommen – also Teilmobilisierung, um den Koreakrieg zu lokalisieren. Für das nominelle Zweimillionenheer besteht bereits im Staatshaushalt ein Etat von 13 Md. 8. 1,22 Md. $ wurden als zweite Rate des Atlantik – Waffenhilfsprogramms zudem bewilligt. Ein Fernostpakt, der geplant ist, wird, soll er Erfolg haben, kaum billiger werden. Frankreich gibt für sein Wehrprogramm im kommenden Haushaltsjahr um 30 v. H. mehr aus, als „für ruhige Zeiten“ vorgesehen. Und Attlee sagte, Großbritannien werde tun, was in seinen Kräften steht. Ob die für die friedliche Entwicklung gedachten Marshall-Gelder auf die Rüstung – wenn auch nur zum Teil – umdirigiert werden, ist noch in der Schwebe.

Man sieht, die westliche Welt stellt sich auf alle Möglichkeiten ein. Und mag man die europäischen Anstrengungen vielleicht nur als „zusätzlich“ betrachten können, so ist doch sicher, daß auf eine friedlich vollbeschäftigte Wirtschaft des Westens durch die Rüstung eine zusätzliche Nachfrage aufgepfropft wird, die an den Preisen rütteln muß.

Wie sieht es aus? Die USA, Träger von 50 v. H. der Welterzeugung, „Leitproduzenten“ und Besitzer der „Leitwährung“, wollen der Rüstungsindustrie die notwendigen Materialien sichern, was bei Vollbeschäftigung heißt: Einschränkung des zivilen Konsums, soweit er die Rüstung hindern könnte. Diese Einschränkung soll erreicht werden über die Verringerung des Abzahlungskredits (gegenwärtig 14 Md. $) und des Hypothekenkredits (kaum geringer), weil die „Friedensrekorde“ in der Produktion von Häusern (dieses Jahr 1,7 Mill. Einheiten), Autos (Tendenz: 9 Mill. Einheiten 1950), Radios, Fernseheinrichtungen oder Nutzungsartikel wie Waschmaschinen oder Eisschränke einerseits durch Abzahlung oder Hypotheken vorwiegend veranlaßt werden und anderseits diese Güter gerade das Material verschlingen, was man für den technischen Krieg braucht.

Doch das ist nur die eine Seite. Angebot und Nachfrage klaffen, infolge der Kriegsgefahr, zumindest durch die Rüstungspolitik bedingt, auch spekulativ auseinander. Die Produzenten, ob Rohstofferzeuger oder Weiterverarbeiter, halten sich, in der Erwartung, daß sie ihre Waren-später zu günstigeren Preisen verkaufen können als gegenwärtig, zurück. Auf dieses verknappte Angebot treffen gleichzeitig die Wünsche der zivilen Verbraucher und die des Staates, der sich einen Vorrang auf die Erzeugnisse der Produktion sichern möchte. Die Hausfrauen stapeln – der letzte Krieg mit seinen Rationierungen ist noch zu gut in Erinnerung – die lagerfähige Ware, der sie habhaft werden können. Es ist dabei nicht (wie in Deutschland bei Zucker und ähnlichem) die nackteAngst wehrloser Menschen, die den „Run“ auslöst; dafür sind sich die Amerikaner ihrer selbst doch zu sicher. Wie auch, Zucker, Kaffee, Konserven, Leinen, Möbei, Nylons, Baumwolle sind im Kleinhandel zwischen 3 und 7 v. H., im Großhandel um durchschnittlich 8 v. H., bei der Produktion um allgemein 10 v. H. im Verlaufe eines Monats gestiegen. Und Industrie wie Großhandel, die glauben, Rüstungsaufträge zu erhalten, kaufen und stapeln Metalle, Gummi, Jute, Gewebe. Folglich sind in diesem Bereich Teuerungen zwischen 8 und 30 v. H. nach einem Monat Korea-Krieg die Regel. Die Lieferfristen verlängern sich fortwährend. 12 bis 14 Monate sind die Norm. Für bestimmte Stahlsorten sind sie noch länger. Trotz einer Kapazitätsausnutzung in der eisenschaffenden Industrie zu 102 v. H. bei einer Produktion, die im Augenblick einer Jahreserzeugung von rund 100 Mill. t entspricht, gibt es hier wieder „graue“ Märkte. Gebrauchte Autos steigen sprunghaft im Preise. Noch aber zeigt sich nur die Tendenz, „sich einzudecken“; der Markt der Diamanten, Uhren und Ringe – dieses Barometer der Angst – ist vom Boom nicht erfaßt; was heißt, daß die Bevölkerung noch nicht in „Wertbeständiges“ flüchtet.

Die Hortung geht jedoch weiter. Da Arbeitskraft insbesondere Facharbeiter, schon jetzt knapp sind, hält man vorsorglich in Betrieben, die nach kaufmännischer Rechnung zur Entlassung von Kräften berechtigt wären, mit der Kündigung zurück. Vor der letzten Rüstungswelle 1939 gab es in den USA bei 37 Millionen abhängig Beschädigten 9,5 Millionen Arbeitslose. Heute werden 60 Mill. Menschen beschäftigt und nur 3,4 Mill. sind arbeitslos. Um diese Tatsache in ihres ganzen Dynamik zu erfassen, muß hinzu gesagt werden, daß schon im Frühjahr, vor dem Korta-Konflikt somit, monatlich 350 000 Arbeiter in der Wirtschaft der USA neu Beschäftigung fancen. In einem Satz: vor der Teilmobilisierung, die in sich einschließt, daß für militärische Zwecke Kräfte der Produktion entzogen werden, bestand bereits im Dollarland Vollbeschäftigung, also nicht mehr als „Reibungs“-Arbeitslosigkeit bei voller Kapazitätsausnutzung und eine; Hochkonjunktur-Investitionsquote. Jede zusätzliche Nachfrage muß somit Knappheit, also Preissteigerungen oder Dollarentwertung, was das gleiche ist, auslösen: wenn nicht Steuererhöhungen, wie Truman sie plant, Einkommensteile der privaten Verfügung entfremden und dem Staat „verdientes Geld“ zuführen; wenn nicht die Gewerkschaften auf Lohnkämpfe verzichten (sie haben bereits konkrete Vorschläge unterbreitet); wenn nicht notfalls ein Kriegsproduktionsamt Vollmachten zur Preiskontrolle mit den davon nicht zu trennenden Rationierungen erhält. Mit einer günstigen Version: die Preisstützungspolitik für landwirtschaftliche Produkte in den USA hat Staatsvorräte an Lebensmitteln in solchem Umfang auflaufen lassen, daß Washington aus seinen Lagerbeständen jeder Nachfrage gerecht zu werten vermag. Die Rationierungen werden sich folglich nur auf industrielle Güter zu erstrecken brauchen; wichtig auch für den deutschen landwirtschaftlichen Import.

Denn zwangsläufig erhebt sich die Frage, ob nicht das nicht-vollbeschäftigte Westdeutschland dieser vollbeschäftigten westlichen Welt durch Exporte von Friedenswaren einen Teil der Sorge um die Vernachlässigung des zivilen Konsums als Folge der Rüstung abnehmen kann. Der Nutzen wäre doppelt. Wir würden infolge der Ausfuhrsteigerung unsere Dollarlücke verkleinern, und in den Rüstungsländern wäre die Arbeit für den militärischen Apparat weniger drückend. Nun, wir sind auf dem Wege! Weil eben schon vorher, vor der Teilmobilisierung aus dem Korea-Anlaß, die Märkte sehr fest waren, konnte unser Export so sichtlich (um über 2,4 Md. DM in den letzten zwölf Monaten) gesteigert werden. Uns half nicht nur traditionelle Qualität und günstige Preisgestaltung, uns half auch die mangelnde Lieferfähigkeit der Konkurrenten. Diese Tendenz wird sich unter den neuen Vorzeichen wohl verstärken. Der Dollar wird etwas weniger „hart“, nicht aber „weich“. Die Chikago-Messe ist der erste Prüfstein.