H. L. Salzburg, im August

Österreich besaß seit eh und je nur eine einzige Fensterglasfabrik. Sie liegt in Brunn am George, einem Ort südlich Wiens, der jetzt zur sowjetischen Besatzungszone gehört. Die Fabrik war nach Beginn des NS-Regimes ihrem Besitzer weggenommen worden und ging 1945 als „Deutsches Eigentum“ in unmittelbare sowjetische Verwaltung über. Nach 1945 strengte der Erstbesitzer ein Rückstellungsverfahren an und erhielt die Fabrik zugesprochen. Freilich blieb es bei dem „Zugesprochen“, denn die Sowjets halten das Werk dennoch weiter besetzt. Sollten sie aber Österreich einmal verlassen, dann müßte die Fabrik wieder in das Eigentum der Erstbesitzer zurückgeführt werden ...

„Sie werden sie nie bekommen!“ sagen in Österreich die Fachleute, aber nicht, weil sie nicht an den Abzug der Sowjets glauben, sondern weil es in Österreich so etwas wie einen „Glaskönig“ gibt, der die gesamte Glasindustrie in Händen hält und auf dem Umweg über ein Verstaatlichungsedikt vermutlich auch die Brunner Glasfabrik in seine Gewalt bekäme. Dieser „Glaskönig“ ist ein Exponent der Kreditanstalt, die selbst verstaatlichte Großbank ist.

Da fiel es nun einigen unternehmungsfreudigen Glasfachleuten ein, im nichtsowjetisch besetzten Teil Österreichs, in Salzburg, eine neue Glasfabrik zu planen. Bedarf war vorhanden, denn die Brunner Fabrik versorgt Österreich nur ungenügend. Sie exportiert auf sowjetischen Befehl nach dem Osten. Aber selbst nach Freigabe der Fabrik durch die Sowjets könnte die Kapazität der künftigen Mitterberger Glashütte immer noch voll ausgenutzt werden – sonst wäre nämlich außer dem Fensterglas aus Braunemaille die Einfuhr größerer Flachglasmengen aus dem Ausland notwendig. Der österreichische Flachglas-Bedarf gt bei etwa 5,5 Mill. cm. Brunn erzeugt 4,5 Mill., die Mitterberg-Hütte bei Salzburg soll eine Kapazität von 1 Mill. qm erhalten.

Aber der Bau der neuen Glashütte würde das Monopol der Brunner Fabrik brechen! Schon zwischen den beiden Weltkriegen hatte Brunn eines Tages die Glashütte in Bürmoos bei Salzburg aufgekauft und – stillgelegt, um die Monopolstellung behaupten zu können. Jetzt richten sich die Bestrebungen aller an Brunn interessierten Kreise auf das neue Salzburger Projekt und suchen es zu hintertreiben. Die ehemaligen, derzeitigen und künftigen Besitzer der Brunner Fabrik haben vor der Mitterberg-Hütte besondere Angst, weil das salzburgische Werk auf Elektrobasis arbeiten wird. Außer den Schweizer Glasfabriken, einigen Betrieben in Schweden und einer kleinen Glashütte in Spanien arbeiten alle europäischen Unternehmungen dieser Art heute noch auf Kohlebasis und sehen ihre Preis-Kosten-Kalkulation von den moderneren Werken bedroht, die infolge der elektrischen Wannen-Heizung rentabler produzieren. Es könnte sein, daß Salzburg eines Tages billigeres Glas liefern wird als Brunn und daß damit auch das traditionelle Brunner Preisdiktat auf Fensterglas gebrochen werden würde.