Die großen Werke der Kunst sind in die Trift der Unrast gestoßen worden. Man schleppt sie hin und her, durch Europa und über den Atlantik, treibt Propaganda mit ihnen, Pädagogik, Hinlenken zum Höheren. Und unvenmerkt zerfällt dabei die "ästhetische Kirche", das Museum. Unter Anrufung von Volkskultur und Demokratie werden Tizian, Rembrandt, die großen Anonymen i Marsch gesetzt ins Heimatlose der mobilem Wanderausstellung. Das Heimatlose ist hier das Abstamdlose. Wenn ich dem Kunstwerk seine "Ferne" nehme, in der es wartend verweilt", wenn ich es also "nahe" bringe, indem ich es in der Euphorie des Pädagogen igar auf Räder stelle, ist es fast sicher, daß es nicht in die "Nähe", sondern ins Abstandlose gerät. Darum: gepriesen sei der stundenweite, glühendheiße Weg, der herauf nach Delphi führt, gepriesen die schlaflosen Nächte in den Zügen vor Rom oder Chartres, gepriesen auch der Großvater, der seine Enkel sonntags ins Museum führte! Wer geht noch sonntags ins Museum? Wir laufen hin, wenn wieder so ein Trupp von heimatlosen Dingen sich da niederließ. Wir gehen in die "Ausstellung".

Ja, aber andererseits . Natürlich, andererseits! Andererseits wäre nie so etwas Großartiges zusammengekommen wie die "Ars sacra", die Aussteilung der Kunst des frühen Mittelaiters, die jetzt, von Bern <kommend, in München den Sommer lang gezeigt wird. Gar nicht sehr umfangreich, auch auf kleine Formate bedacht, hat sie doch ein ungewöhnliches Gewicht, weil so Großes, Kostbares, Weites zusammen ist — aus fünfzig deutschen Orten, aber auch aus Innsbruck, Salzburg, Wien und Paris.

Da sind gleich unter den frühen Stücken der vorkarolingischen Zeit, mit der die Ausstellung einsetzt, einige Blätter der Wiener Genesis, jener bedeutendsten Bilderhandschrift des altchristlichen Ostens. Und daran reiht sichs nun in dichter Folge: Miniaturen, Elfenbeine, Stoffe, Goldschmiedearbeiten, Kleinkunst. Wenig größere Skulptur, aber darunter eben wieder die ImadMadonna aus Paderborn und das erst kürzlich als ottonisch erkannte Kruzifix aus Ringelheim. Das Ka rolinigische ist mit Codices der AdaGruppe und der Schulen von Trier, Fulda, Tours und Reims (darunter dem berühmten Codex Aureus von St. Emmeram mit den herrlichen Reliefs in Goldblech), dann mit Elfenbeinen und Goldschmiedearbeiteo (darunter dem westfränkischen Tragaltar König Arniulfs) knapp und genau vertreten. Auf dem Ottonischen liegt größtes Gewicht. Von den niedersächsischen Handschriften bis hinunter ?ur Reichenau ist der gaiize Breitenraum dieser Gipfelepoche frühdeutscher Kunst ausgeschritten. Das Kostbarste ist beisammen: das weltberühmte Perikopanbuch Heinrichs II, das Bamberger Evangeliar der Reichenau, aber auch der Codex Aureus von Echternach, der auf seinem Deckel ein Elfenbein zeigt von einer so eigenwilligen und persönlichen Kraft, daß deutlich, wie nicht zuvor, ein Meister als Individualität hervortritt. Dieser Künstler, dann der Gregorius — Meister: der Mensch beginnt aus dem Anonymen herauszutreten und Person zu werden. Das Romanische führt dann bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. Die deutschen Malerschulen von Salzburg über Regensburg, Würzburg, Weingarten bis ins Rheinische und Sächsische sind in aller Fülle ausgebreitet. Dazu die erlesensten Goldschmiedearbeiten Lothringens, des Maasgebietes, des Rheinlandes und Niedersachsens.

Diese maßlosen, heiligen Gesten vor den Goldgründen! Die aille mit den riesigen Zeigefingern auf ein Unbekanntes, wo der Gott steht, weisen. Kunst, die noch im Heimatlosen ganz voller Heimat ist und noch im kleinsten Ding die Kathedrale als ihr Haus stets mit sich trägt. Form äst hier die Antwort auf ein Ganzes, sie spricht nicht mit und von den sichtbaren Dingen, sie nimmt sie als Bezeichnung und als bildnerische Formel für ein Gotteswort. Die Welt — die ist ihr nur ein isoliertes Beispiel "Man möchte sich dies Stichwort borgen, allein — bei wem?" Die Antwort wird heute nicht gewußt. Die Mahnung ans Religiöse, soweit es sich wm Kunst handelt, endet heute in der Elegie. Und daraus die Anklage! Da sagt der eine, daß mit dem Zusammenbmch des letzten großen Glaiubensstüs, des Barocks, Kunst überhaupt nicht mehr möglich sei. Der andere geht noch weiter und meint, die Kwnst sei zusammengebrochen, als der geistliche Arm schwächer wurde und die Zügel der Welt aus der Hand ließ. Das geschah im dreizehnten Jahrhundert. Seitdem ginge es bergab mit der Kunst. Nun — im Zuge dieser Folgerungen sollte man gleich den Sündenfald als Anfang vom Ende der Kunst nehmen, da hat man ein genaues Datum und befindet sich im Einklang mit 1. Mose 4, wo die Geiger, Pfeifer und Bildschnitzer unter die Söhne des sündigen Kain gerechnet werden.

Was ist das alles für ein unnütz elegischer Lyrismus! Denn da gibt es schon ganz anders