Das Material, mit dem es der Graphologe zu tun hat —, hier stocke ich schon. Dieses Material ist etwas ganz anderes als das Material, das beispielsweise dem Arzt zur Verfügung steht, wenn er eine Diagnose stellt. Der Brief, der Schrieb ist ein "Mach Werk", ein Kunstprodukt, nicht zu vergleichen mit den organischen Ausdrucksformen der Natur, etwa der Kopfform, der Hand, der Iris des Auges, ja — dem Urin. Wenn man Physiognomik, Schädelkunde, Handliniendeutung und Graphologie als "Deutungswissenschaften" in einen Topf wirft, so muß man, was die Graphologie angeht, Einspruch anmelden. Man kann von der Bildung eines Ohres unmittelbar auf den Träger dieses Ohres schließen, denn das Ohr ist aus ihm herausgewachsen, und jeder Teil eines Organismus ist ein Symbol des Ganzen (die alten Physiognoroiker sagten, die Bildung des Ohres spiegele die Bildung der Gehirnwindungen); aber man kann von einer Handschrift nicht mit ebenso unmittelbarer Gültigkeit Schlüsse auf ihren Verfertiger ziehen. Zwischen beide ist die Ausdrucksbewegung gesetzt — und ihre Störung und Zerstörung durch das Material, durch Schreiblage, Papier, Feder, Stift, Übung, Gewöhnung, ja durch graphische Vorbilder. Denn Von Roll" Reißmann die freie Ausdrucksbewegung des Schreibenden wird beim Schreibakt von vornherein auf die Bewegung in einer Ebene, nämlich, der Papierebene, beschränkt und — trotz dfer Möglichkeiten des Schritftdwicks — ihrer Spannrweite und ihrer plastischen Dimension beraubt. Was wir meinen, lehrt der Vergleich mk dein Tanz. Im Tanz vollendet sich der Körper und seine Rhythmik rund und vollkommen — er ist unmittelbarer Ausdruck des Tanzenden. Müßten wir aber, um ein charakterologisches Urteil über den Tänzer zu erlangen, lediglich die Figuren deuten, die seine Füße auf dem Boden beschrieben haben, so wäre unser Befund bedeutend änmer. Wir müßten uns zu den Kurven auf dem Boden erst die dritte Dimension, das Körperhafte hinzudenken — und die Dimension der Zeit, das Tempo, den Rhythmus. Ganz ebenso liegt der Fall der Graphologie. Der Graphologe muß also das Schriftbild in die dreidimensionale Ausdnucksbe wegung zurücktransponieren, ja sogar die zeitliche Rhythmik des Schreibvorgangs nachzufühlen suchen. Es fängt mit den ganz banalen Fehlerquellen an. Die Fedierist über holziges Papier gestolpert; jemand hat im Stehen geschrieben (zum Beispiel auf der Post) oder ein schräges Pult als Unterlage gehabt (was die ganze Ausdrucksbewegung verändert, vom Hebelgewicht des Ellbogens bis zum Druck der Zeigefingerkuppe); jemand hatte infolge Kälte klamme Finger; jemand schrieb während der Fahrt. Der gute Graphologe wird solche anomalen Schreibbedingungen meist a us dem Schriftbild selbst erkennen und seine Deutung daran 1 mit einem schweren- Fragezeichen versehen. Manchmal! wird er eine Deutung überhaupt nicht wagen: Wie soll er wissen, ob die flatterigen Rattenschwätuzchen der Unterlängen auf einen momentan nicht geheizten Ofen oder auf Händezittern infolge Zuckerkrankheit zurückzuführen sind? Auch Bleistifte und Kiugelspitzfedern bereiten ihm Kummer. Viele Menschen haben sich ganz abgewöhnt, "mit Druck zu schreiben. Das rasche Hingleiten eines Füllers über das Papier verführt zu einer Lässigkeit, die unsere Großeiltern nicht kannten. Für den Graphologen fehlt mehr und mehr ein wichtiges Kriterium: die Stärke des Schriftdrucks — und an welchen Stellen der Buchstaben dieser Druck angesetzt wird: oben oder unten, knotig oder elegant, plötzlich einsetzend oder zu früh sich verdünnend. Hat der Graphologe Fehlerquellen dieser Art erkannt und in Rechnung gestellt, sd steht er vor einer neuen Hürde. Jode Schrift ist durch Stil und Mode ihrer Zeit bedingt. Die Schreibschrift, die man als Kind gelernt hat, bleibt als unterbewußtes Vorbild (und als mechanische Schreibgewöhniung erhalten. Jene jüngere Generation, die in der Schule Sütterlin Schrift verpaßt bekommen hat, wird die steile Schriftlage, und andere vereinfachende Stillmerkmale dieser Schreibart niemals mehr ganz los. Die steile englische Oxford Schrift, die den Schriftcbaraikter englischer gebildeter Kreise schon seit mehr als dreißig Jahren beherrscht, ist keineswegs der Ausdruck persönlichen Charakters, sondern als Modeeigenheit, wenn man will, als Ausdruck eines Kollektivcharakters (denn warum behält man sie so zäh bei?) zu werten und von der persönlichen 1 einige