Die deutsche Wirtschaft steht inmitten einer neuen Rationalisierungswelle. Der Konkurrenzkampf im Binnen- und Außenhandel, verschärft durch die Liberalisierung des zwischenstaatlichen Güterverkehrs, läßt keine andere Wahl. Ein Teil der Rationalisierung ist die Normung, d. h. die Vereinheitlichung von Maschineneinzelteilen, von alltäglichen Gebrauchsartikeln, von Ordnungsmitteln, von ständig wiederkehrenden Leistungen usw., die nach menschlicher Voraussicht ausgereift sind, deren „Standard“ also weder den technischen Fortschritt noch das kulturelle Leben einzuengen vermag.

Die Normung hat den Vorzug, daß sie nicht am Kapitalmangel zu scheitern braucht; denn sie kostet wenig oder nichts. Ihre Wirkungen aber liegen in der Entlastung des Maschinenkonstrukteurs von allen verzettelnden Nebendingen zugunsten des spezifisch Neuen, in der Geschlossenheit der Herstellung, in der Verminderung von Ausschuß und Lagerhütern, in der leichten Austauschbarkeit der Ersatzteile, Güter und Leistungen, in der Verkürzung der Lieferfristen, in der Eindeutigkeit der Begriffe, letztlich also in einer Verbilligung der Gütererzeugung und Güterverteilung, die dem Hersteller die betriebliche Rentabilität, dem Verbraucher das vohlfeile Erzeugnis gewährleisten muß. Bei der notwendigen Erneuerung vieler überalterter Maschinenparks ist die beste Gelegenheit, sich die Vorteile der Normung nutzbar zu machen, die von fortschrittlichen Unternehmen längst anerkannt sind.

Fast 25 Jahre hat sich der „Textilnorm, Fachausschuß der Textilwirtschaft“ (heute: Berlin-Wannsee, Am Kleinen Wannsee 7) der Vereinheitlichung von Textilmaschineneinzelteilen, von Prüfverfahren für Textilien, von Berufsbekleidung usw. gewidmet. Eine große Zahl sachverständiger Mitarbeiter des Textilmaschinenbaues und der Textil- und Bekleidungsindustrie hat ihm ständig beste Hilfe geliehen und sich aktiv an der Normung beteiligt. „Aus der Praxis für die Praxis!“ war hierbei oberster Leitsatz. Die Erfahrungen haben zur Genüge gelehrt, daß ein Land mit dem geringsten Aufwand an förmlicher Arbeit in Technik und Wirtschaft (oder umgekehrt mit der stärksten Konzentration auf das Wesentliche und Gesonderte) die rationellste Betriebsweise aufweist. Die deutsche Textil- und Bekleidungswirtschaft ist in ihrem Betriebsgefüge seit den dreißiger Jahren hinter der Auslandskonkurrenz zurückgeblieben. Im zunehmenden Wettbewerb wird jede Kostenersparnis in die Waagschale fallen. Die Normung muß dabei Hilfe leisten, wo immer sie nach den Einsichten sachverständiger Praktiker notwendigerweise am Platze ist, ohne die Gefahr einer technischen Sterilität oder geschmacklichen Uniformierung in sich zu bergen.

Nach dem Kriege war der „Textilnorm“ unablässig bemüht, ein Auseinanderfallen der Textilnormung in Ost und West zu verhüten und wieder einen persönlichen Erfahrungsaustausch zwischen Textilindustrie und Textilmaschinenbau diesseits und jenseits der Elbe-Linie herbeizuführen. Der „Textilnorm“ ist also bei aller wirtschaftlichen Aufspaltung ein sachlich verbindendes Instrument, das, von den Besatzungsmächten autorisiert, für alle Zonen einheitliche Normen aufstellen kann. Die Vertiefung und planmäßige Fortführung der Arbeiten an Stelle einer mehr zufälligen Normung wird künftig die Aufgabe sein. Im übrigen ist die Verbindlichkeit der Normen auch nach der Kapitulation bestehengeblieben. Das gilt z. B. für alle auf Garne bezüglichen Normblätter, so für die metrische Numerierung der Garne, für die Auswahl der Garnnummern, weiter für die zulässige metrische Feine der Webeblätter, für eine größere Anzahl von Normen des Textilmaschinenbaues.

Eine Fülle von Arbeiten ist seit 1926, dem Gründungsjahr des „Textilnorm“ als paritätischer Fachnormenausschuß für Textilindustrie und Textilmaschinen, geleistet worden. Ein kürzlich veröffentlichtes Verzeichnis der endgültigen Normblätter des Gebietes Textilwirtschaft legt davon Zeugnis ab. Rund 250 DIN-Nummern, zum Teil mit mehreren Normblättern, sind das Ergebnis. Davon entfallen 17 auf Textilaufbereitungsmaschinen, 33 auf Spinn- und Zwirnmaschinen, 17 auf Spülmaschinen, 41 auf Webereimaschinen, 20 auf Jacquard- und Schaftmaschinen, 37 auf Webstuhl-Zubehör, 3 auf Textilveredlungsmaschinen, 4 auf Wäschereimaschinen, 46 auf Textilrohstoffe und Textilerzeugnisse, 2 auf Prüfverfahren für Textilien, 7 auf Textilhilfsmittel, 20 auf Bekleidung. Eine größere Anzahl weiterer Entwürfe (Spinnereimaschinen und Textilveredlung) wurde oder wird zur Kritik veröffentlicht.

Auch international hat sich der Normungsgedanke wieder belebt, seitdem 1939 auf Antrag des Deutschen Normenausschusses die Arbeiter als ruhend betrachtet wurden. Die bis dahin in der International Federation of the National Standardizing Associations (ISA) mit einer Mitgliedschaft von 21 Ländern geleisteten Arbeiter (z. B. Normungszahlen, Toleranzen, Passungen, Gewindesysteme) sind als wertvoll anerkannt worden. Im Herbst 1946 trat unter Beteiligung von 25 Ländern eine neue Organisation ins Leben: die International Organisation for Standardisation (ISO), die mit Sitz in Genf die Normungsergebnisse der ISA übernahm und deren laufende Arbeiten fortsetzt. Deutschland ist noch nicht wieder beteiligt, jedoch wurde eine gegenseitige Unterrichtung durch Austausch von Normblättern und einschlägigen Veröffentlichungen erneut begonnen. H. A. N.