Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Anfang August

Wie die Sowjetunion seit langem, so hat jetzt auch die deutsche Sowjetzone ihren Fünfjahresplan. Zwar ist dieser Plan vorerst nichts als ein Dokument in der Hand Walter Ulbrichts, nichts als ein Stück Papier, und doch sucht sich das kommunistische Protektorat zwischen Oder und Elbe nach dieser Vorlage schnell vollends der Struktur des Sowjetstaates anzugleichen. Denn obwohl dies umfangreiche Spiel.mit Zahlen bisher nur ein SED-Parteiprojekt ist, behandeln es die offiziellen Stellen der Ostrepublik – auch die zum Scheine noch vorhandenen Koalitionspartner der anderen Parteien – bereits als ein Faktum. Ein Umstand, der freilich die Tatsache nicht verschleiern kann, daß trotz der überexakt scheinenden Statistiken und Zahlengruppen hier ein monströses Kartenhaus von Fiktionen aufgerichtet wird.

Man muß ein paar Wunschbilder dieser Art nennen, um die Größenordnung dieses Projektes zu demonstrieren: Die industrielle Produktion der Sowjetzone soll gegenüber dem Stand von 1936 verdoppelt werden, was eine Erhöhung um 190 v. H. gegenüber dem bisherigen Status bedeuten müßte. Bei einer näheren Betrachtung darüber, wie dieser Prozeß in den einzelnen Industriezweigen vor sich gehen soll, zeigt es sich, daß der weit überwiegende Teil der neuen Produktionsleistungen auf die Großindustrie, die Metallverarbeitung, die Hüttenindustrie, den Maschinenbau fallen soll. Vor allem erscheint im Plan die besondere Aufforderung, geologische Erkundungsarbeiten in Höhe von 250 Millionen Kosten durchzuführen; es soll nach Eisenerz, Buntmetallen, „seltenen“ Metallen, Erdöl, Steinkohle, chemischen Rohstoffen und anderen Bodenschätzen geforscht werden. Schon in diesem Auftrag, aber erst recht in der Feststellung, daß etwa 15 Milliarden von insgesamt 26 Milliarden Investitionen insbesondere der Schwerindustrie zugeführt werden sollen, zeigen sich Zweck und Ziel dieses Fünfjahresplanes. Er soll genau jene Produktion hochpeitschen, die heute beinahe ausschließlich der Sowjetunion als Reparationsgut zufällt. Auch daß der Bau von Schiffswerften und die Erstellung einer Hochseeflotte in dem Plan auftaucht, kennzeichnet die machtpolitischen Perspektiven, die Moskau als Initiator des Plans verraten. Für die projektierte Hochseeflotte will Ulbricht einstweilen noch die Hilfe des jetzt polnischen Hafens Stettin in Anspruch nehmen – bis „Lübeck und Hamburg dafür zur Verfügung stehen“.

Gegenüber dem, was die vielen Abschnitte des Fünfjahresplanes füllt, ist aber auch das von großem Gewicht, was er nicht enthält. „Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht immer der Mensch“: so zwar formulierte es der Kommentar Ulbrichts. Doch der andere Kommentar besteht in der Forderung, daß die Arbeitsleistung des einzelnen um 60 v. H. gesteigert, der Lohn aber nur um 20 v. H. erhöht werden soll. Die Namen Stachanow und Hennecke mit ihren Systemen des Akkordtreibens stehen groß und schwer hinter dieser grotesken Entartung des sozialistischen Arbeitsethos ...

Es gibt etwas, was dem Fünf jahresplan Glaubwürdigkeit im voraus geben soll; das ist das Argument von der vorzeitigen Erfüllung des bisherigen Zweijahresplans. Es ist jedoch ein wenig legitimer Beweis. Denn abgesehen davon, daß die Projekte des bisherigen Zweijahresplanes in der Sowjetzone sehr bescheiden waren und gar nicht vergleichbar sind mit dem in Westdeutschland erreichten industriellen Stand, werden von offiziellen Berichterstattern so voneinander abweichende Zahlen über die heutige Produktionshöhe genannt, daß es schwer ist, die reale Lage einzusehen. Andererseits führen die Wirtschaftsbeauftragten der Sowjetzone selbst wohl nicht umsonst Klage darüber, daß die wichtigsten Unternehmen im Bergbau und in der Hüttenindustrie beträchtlich hinter den Zielen des Zweijahresplans zurückgeblieben seien.

Interessant genug, daß auch der große Propagandaaufwand um den neuen Fünfjahresplan nach sowjetischem Muster eine Tatsache völlig verschweigt, die in den vergangenen Monaten das Zugstück der östlichen Ankündigungen gewesen ist: die Behauptung, daß die Rationierung der Lebensmittel bei Herbstbeginn aufgehoben werden solle. Jetzt ist lediglich davon die Rede, daß die Fett- und Fleischrationen um einige Gramm im Monat erhöht werden sollten: Vorgänge also, die in der Bundesrepublik seit langem nicht mehr diskutable Themen sind. Dafür aber wird in jenem Teil des Plans, der den kulturellen Aufgaben gewidmet ist, davon gesprochen, daß die Oberschulen einzig und allein Vorbereitungsanstalten für „die Planung“ werden müßten. Möglichst viele Lehrer sollen möglichst rasch ausgebildet werden, die den Schulplan ganz auf die technisch-wirtschaftlichen Bedürfnisse zuschneiden sollen. Und in diesem Zusammenhang fallen Vokabeln, die aus dem pädagogisch-militärischen Arsenal der Hitlerschen Vierjahresplan-Ära stammen könnten.

Es ist denkbar, daß die Lektüre des Plans auch manches Gemüt in Westdeutschland begeistern könnte. Die Großzügigkeit des Staates, die Weiträumigkeit der Projekte, die Freigiebigkeit der Investitionen: – dies alles mag angesichts des in Westeuropa üblichen Aushandelns von Beiträgen über ein paar hunderttausend Mark und angesichts der ewigen Kompromißwirtschaft des Westens von faszinierender Wirkung sein. Doch eben nur von der Tabelle des Plans her – niemals von der wirtschaftlichen, sozialen und menschlichen Wirklichkeit, die dahinter steht. Denn ob dieser Fünf jahresplan jemals auch nur zu Teilen erfüllbar ist, ob er überhaupt mehr als Fiktionswert besitzt, das ist niemandem fraglich, der die ganze Planstruktur als das begreift, was sie ist –: eine rein sowjetische Absicht, die Deutschen zwischen Oder und Elbe zur totalen Ausbeutung zu vergewaltigen.