Die Dichterin Elisabeth Langgässer ist am 25. Juli in Rheinzabern (Pfalz) an einer Nervenlähmung gestorben.

Von Elisabeth Langgässer galt, was sie selbst von dem Pfarrer Mathias in dem Roman „Das unauslöschliche Siegel“ sagt: „In seine Augen, die weit geöffnet und fast ohne Lidschlag waren, trat jenes übermenschliche Wissen, das ihn von Trost und Enttäuschung abschied und den Engeln zum Bruder machte.“

Der eben genannte großartige, nicht auszuschöpfende Roman, der die Verfasserin berühmt gemacht hat, zeigt die verdorbene Welt der zu Tode gekitzelten Menschheit, zeigt sie zwischen Ungnade und Gnade wankend, zeigt die Fülle und Leere der Kreatur in der Fülle und Leere der Ereignisse, in die wie ein Donnerwort die trage hinein schallt: „Glauben Sie an die Gottheit Christi?“ Die Jahrhunderte, die ein Glaube, also eine Form überwölbte, sind vergangen, der Mensch zerbrach in lauter zusammenhanglose Stücke, Gier und Ekel treiben ihn, er beugt das Knie nicht mehr, da er sich nur vor Bomben, nicht vor Geistern mehr fürchtet. Es bleibt dem heutigen Dichter nichts übrig als die Welt von unten auf, Stück für Stück wieder aufzubauen, damit sie oben wieder anschließe. Und wenn einer dichterische Finger hat, dann braucht er bloß aufzuzählen, bloß zu häufen, wie geschnittenes Gras zum Heu, das sich dann selbst entzündet und mit heiligem Brande das All verzehrt. Mitten im tierischen Treiben mythologischer Urweltspiele hören wir ergriffen von dem Blinden, dem das Dorf den herrlichen Spitznamen „der blinde Glaube“ verlieh, und der, obwohl man ihm anbot zu sehen, seiner Blindheit den Vorzug gab. „Sein Glaube ernährte ihn, wie ja tatsächlich der Glaube den Glauben und die Sonne den Tag ernährt.“

Elisabeth Langgässers liebende Umfassungskraft macht auch das Geheimnis ihrer Lyrik aus, die in das Herzblatt der Dinge greift, deren Überschwang an der Fülle des Tatsächlichen gedeiht, der alle Kenntnis und aller Tiefsinn zur Melodie wird, zur Melodie der „Natur der Natur“, jeder Stein eine Herme an Handelsstraßen, an Todeswegen zur Unterwelt wird, Weizenähren Demeterfinger werden, der die Trompetenblume tönt, und in der sich die vage Vorstellung der mystischen Rose an dem unveredelten Grundriß der wilden Flatterrose zu überzeugender Macht erholt. Wilhelm Lehmann